Wenig Durchblick im Maschinenraum: CCC-Sprecherin beklagt „vollständige Gängelung“, die es so gar nicht gibt

Von | Allgemein, Personal Tech

Constanze Kurz, die Sprecherin des Chaos Computer Clubs (CCC) sieht schwarz. „Die vollständige Gängelung rückt nahe„, schreibt sie in der FAZ – und macht vor allem die Strategie von Apple dafür verantwortlich. „Kaufe, was Du willst, aber tue damit nur, was Dir vorgeschrieben wird!“ Apple habe eine „Strategie der ummauerten Gärten für Mobiltelefone durchgesetzt“. Jetzt drohe die Bevormundung der Kunden auch auf dem Feld der Personal Computer Einzug zu halten.

Nehmen wir an, ein bekannter Automobilhersteller kündigt ein brandneues Geschäftsmodell an: schicker Kleinwagen, sparsam im Verbrauch, beste Fahreigenschaften, günstiger Preis. Der Haken: Man kann den Wagen ausschließlich mit dem Kraftstoff eines bestimmten Mineralölkonzerns betreiben, muss also dessen Tankstellen ansteuern. Gleich beim Verkauf wird das Umgehen der technischen Vorrichtungen, die sicherstellen, dass nicht heimlich der Konkurrenz-Diesel gezapft wird, vertraglich ausgeschlossen und für illegal erklärt. Wer würde schon so ein Auto kaufen?

Die Antwort auf die Frage von Constanze Kurz im Feuilleton der FAZ fällt natürlich nicht schwer. Niemand würde so ein Auto kaufen. Doch in der Mobiltelefonbranche seien solch absurde Geschäftsmodelle gang und gäbe.

Die modernen Formen des Fernsprechers sind im Kaufpreis gesenkt, dafür muss sich der Kunde vertraglich an einen Mobilfunkanbieter binden. Doch die Telefonverkäufer gehen noch einen Schritt weiter. Apple schreibt den Kunden nicht nur vor, mit welchem Mobilanbieter sie zu telefonieren haben. Selbst die Auswahl der auf dem iPhone installierbaren Software wird kontrolliert.

Werbung im Apple-Store für ein iPhone ohne SIM- oder Net-Lock

Werbung im Apple-Store für ein iPhone ohne SIM- oder Net-Lock

Da scheinen aber die wichtigsten Nachrichten aus der Telekom-Branche der vergangenen Wochen an der CCC-Sprecherin vorbeigegangen zu sein. Das iPhone wurde zwar im Jahr 2007 in den USA und auch in Deutschland zunächst mit einem exklusiven Vermarktungsparner in die Läden gebracht. Aber in den meisten Ländern war das iPhone von Anfang an bei mehreren Providern und auch ohne Netzsperre zu haben. Und seit dieser Woche verkauft Apple das iPhone im eigenen Apple-Store ohne Net-Lock oder SIM-Lock. Und auch bei O2 kann man das iPhone ohne einen Mobilfunkvertrag kaufen und mit einer SIM-Karte eines beliebigen Providers in Betrieb nehmen. In Berlin, wo die CC-Sprecherin lebt und arbeitet, kann man in diesen Tagen keine 200 Meter gehen, ohne auf eine Werbung für ein „freies iPhone 4“ zu stoßen. Und auch das AT&T-Monopol in den USA, das ohnehin am Markt durch Grau-Importe aus Asien und Europa unterlaufen wurde, steht vor dem Ende.

Nachdem die (falsche) These von der Zwangskopplung von Hardware-Kauf und Providerauswahl aufgestellt wurde, regt sich Constanze Kurz über die Ermittlungen gegen 600 Telefonkäufer, die den sogenannten SIM-Lock ihres Mobiltelefons entfernt hatten.

Damit befreien sie sich von dem Zwang, mit einem bestimmten Anbieter zu telefonieren. Strafbare „Geheimnishehlerei“ und „Datenveränderung“ lautet der umstrittene, weil reichlich konstruierte Vorwurf.

Es fehlt allerdings der Hinweis, dass die Besitzer dieser Edel-Handys diese Geräte in der Regel für einen symbolischen Preis von einem Provider bekommen – und sich im Gegenzug dazu verpflichtet hatten, sich auf einen gewissen Zeitraum vertraglich an den Mobilfunkanbieter zu binden. Ich kann mir gut vorstellen, dass der CCC Spaß an der Vorstellung des 1-Euro-iPhones für alle hätte, bei dem der Mobilanbieter frei ausgewählt werden kann. Man muss aber auch Verständnis dafür haben, dass die Telekom keinen Spaß daran hat, iPhones für einen Euro zu verteilen, die dann mit einem Discounter-Tarif betrieben werden. Wer die Freiheit der Tarifauswahl haben möchte, muss sich sein iPhone halt unsubventioniert kaufen.

Beim Vorwurf der „vollständigen Gängelung“ geht es Constanze Kurz aber nicht nur um die Frage, ob und wie man ein Smartphone ohne Netzsperre bekommen kann. Für die CCC-Sprecherin ist nur schwer erträglich, wie die Auswahl der auf dem iPhone installierbaren Software kontrolliert wird.

Alles, was nicht vollständig mit der typisch amerikanischen, disneyesken Familienfreundlich-Ideologie harmoniert, wird nach Gutdünken ausgeschlossen. Damit nicht genug: Programme, die Apples Vorstellung davon verletzen, wie für das iPhone zu programmieren ist oder gar in Konkurrenz zu hauseigener Software treten, werden nicht zugelassen. Wer würde schon so ein Mobiltelefon kaufen? Es sind Millionen Menschen weltweit.

Über die Zulassungskriterien zum iTunes-App-Store kann man tatsächlich trefflich streiten. Constanze Kurz macht sich aber nicht die Mühe, die Vor- und Nachteile des regulierten Software-Ladens von Apple zu würdigen. Apple-Chef Steve Jobs geht es bei seinem Modell nicht in erster Linie darum, „der typisch amerikanischen, disneyesken Familienfreundlich-Ideologie“ den Weg zu bereiten, auch wenn Jobs inzwischen (wegen des Verkaufs seiner Trickfilm-Firma Pixar an Disney) der größte Aktionär des Disney-Konzerns ist.

3 Gründe, warum eine App zurückgewiesen wird

3 Gründe, warum eine App zurückgewiesen wird

Der Apple-Chef hat zu verschiedenen Anlässen immer wieder betont, dass Apple vorallem verhindern möchte, dass iPhone-Besitzer sich mit unausgereifter oder gar gefährlicher Software auf ihren Smartphones herumschlagen müssen. Die meisten Apps, die nicht in den iTunes-Store aufgenommen wurden, seien entweder ständig abgestürzt oder hätten nicht das gemacht, was in der Beschreibung der Software angegeben worden sei.

Natürlich verfolgt der Apple-Chef auch weniger hehre Ziele. So will Apple verhindern, dass eine Programmier-Umgebung wie Adobe Flash bzw. Air auf dem iPhone eingesetzt wird. Das hat sicherlich auch mit den Sicherheitslücken in der Adobe-Software zu tun, die immer wieder auftauchen. Vor allem will Apple aber vermeiden, dass durch die Hintertür das Bedienkonzept der iOS-Geräte ausgehebelt und durch eine andere Oberfläche ersetzt wird. Dass man dabei sich auch noch eine weitere Umsatzquelle erschließt, spielt sicherlich auch eine Rolle, ist aber aus meiner Sicht nicht maßgeblich. Apple erhält von den Umsätzen aus dem App-Store 30 Prozent – und muss dafür aber das gesamte Inkasso (inkl. Ausfallrisiko) übernehmen und sich um das Hosting der Apps kümmern. Vor diesem Hintergrund ist der App-Store in iTunes nicht die Cash-Cow des Konzerns.

Nachdem der kalifornische Konzern wegen umstrittener Rückweisungen von Apps immer wieder in der Kritik stand, hat Apple vor einigen Wochen neue App Review Guidelines, die zumindest in Klartext festschreiben, was Apple erlaubt und was nicht. Im Gegensatz zu den Einlassungen von Constanze Kurze zwingt Apple die Anwender nun nicht mehr dazu, allein das iOS-SDK von Apple zu verwenden, das nur auf einem Mac läuft.

Mit den neuen Guidelines von Apple setzt Apple aber den Entwicklern schon feste Grenzen, über die man kontrovers debattieren kann:

  • Wir sehen einen Unterschied zwischen Apps und Büchern oder Songs, die wir nicht bewerten. Wenn Du eine Religion kritisieren möchtest, schreibe ein Buch
  • Wir haben über 25.000 Anwendungen im Apps Store. Wir brauen keine weiteren Furz-Apps. Wenn Deine App nicht etwas Nützliches macht oder irgendeine Form nachhaltiger Unterhaltung („lasting entertainment“) bietet, wird sie vielleicht nicht akzeptiert.
  • Wenn Deine App so aussiehts, als hättest Du sie in ein paar Stunden zusammengeschustert („cobbled together“) oder wenn Du Deine erste Übungs-App im Store unterbringen möchtest, um Deine Freunde zu beeindrucken, bereite Dich bitte auf eine Absage vor. Wir haben jede Menge ernsthafte Entwickler, die ihre Qualitäts-Apps nicht von Amateur-Stücken umgeben wissen wollen.
  • Wir werden Apps zurückweisen, wenn der Inhalt oder das Verhalten der App eine Linie überschreitet. „Welche Linie“, fragst Du? Nun, wie ein Richter am Supreme Court einmal gesagt hat: „Ich werde das wissen, wenn ich sie sehe.“ Und wir glauben, Du weißt auch, wenn Du diese Linie überschreitest.
  • Wenn Deine App zurückgewiesen wird, dann kannst Du Dich an ein Review Board wenden. Wenn Du zur Presse läufst und uns beschimpfst („trash us“), wird Dir das nicht helfen.

Danach folgt eine detaillierte Auflistung der möglichen Fallstricke aus den Bereichen Funktionalität, Metadaten (Beschreibung der App im Store), Ortsinformationen, Push-Mitteilungen, Game-Center, iAds, Warenzeichen, Multimedia-Inhalte, User-Interface, Kaufvorgang sowie Inhalte-Scraping und Aggregation. Außerdem darf die App natürlich nicht das Gerät beschädigen.

Constanze Kurz findet das Sicherheitsargument „abwegig“ und regt sich auch darüber auf, dass Microsoft mit Windows Phone 7 das Konzept von Apple kopiert.

Wenn nur noch vom großen Meister in Redmond abgesegnete Programme geladen werden können, so die Vermutung, können Bösewichte keine schädliche Software mehr unters Volk bringen. Diese Annahme ist jedoch irrig, da eine genaue Prüfung aller Programme auf schädliche, verborgene Teile technisch kaum möglich ist. Das Argument „Sicherheit“ kann also getrost als Schutzbehauptung abgeheftet werden.

Nun sind Apple und Microsoft auf dem Markt nicht alleine. Vor allem der Suchmaschinen-Gigant Google feiert mit seinem em Betriebssystem beachtliche Erfolge. Da Google – aus welchen Motiven auch immer – keine Lizenzgebühren für sein Mobil-OS verlangt und das System in vielen Belangen dem großen Vorbild iPhone mindestens ebenbürtig ist, hat in den vergangenen Monaten eine ganze Armee von Androiden verschiedenster Hersteller die Regale der Mobilfunk-Shops erobert. Daher kann von einem Monopol Apples ohnehin keine Rede sein.

Smartphones mit Android beziehen ihre Apps auf dem weitgehend unregulierten Android Marketplace und beliebigen anderen Software-Quellen. Und dabei tauchen auch immer wieder Meldungen über Programme auf, die eigentlich Trojanische Pferd sind, etwa die im Juli entdeckte App zum Austausch des Bildschirm-Hintergrunds (Wallpaper), die systematisch die persönlichen Daten auf dem Android-Handy ausspionierte. Daher kann man die Sicherheitsfrage meiner Ansicht nach nicht als Alibi-Thema oder „Schutzbehauptung“ abtun.

Max OS X trifft das iPad

Max OS X trifft das iPad: Steve Jobs auf dem Apple-Event

Auch wenn die CCC-Sprecherin die Öffnung des iPhone-Marktes in Deutschland nicht mitbekommen hat – das Apple-Event „Back to the Mac“ am 20. Oktober ist von ihr aufmerksam registriert worden. Das Versprechen von Apple-Chef Steve Jobs, Errungenschaften auf der Entwicklung des iPhones und des iPads in das neue Apple-Betriebssystem Mac OS X „Tiger“ einfließen zu lassen, löst bei der Berliner Informatikerin eher eine Horrorvision aus:

Den vollwertigen Computer zu Hause kann man nach Belieben nutzen. Ob man ein anderes Betriebssystem oder vielleicht selbstgeschriebene Programme verwenden will, ist der eigenen Entscheidung überlassen. Apples iPad jedoch läutet den Schwenk zu einer neuen Ideologie der „ummauerten Gärten“ ein, in der nicht mehr jeder mit den Maschinen tun und lassen kann, was er will, sondern nur noch zu den Bedingungen des Herstellers agieren darf.

Constanze Kurz hat dabei aber nicht im Blick, dass bei dem von ihr so gepreisenen Personal Computer viele Anwender über quasi unüberwindbare Hürden zu überwinden sind, wei die Kiste einfach nicht so einfach funktioniert, wie von Microsoft versprochen. Von den Linux-PCs, die für die Masse der Computeranwender trotz moderner Systeme wie Ubuntu quasi unbedienbar sind, will ich gar nicht erst reden. Es ist auch kein Zufall, warum ausgerechnet die Kategorie der „freien PCs mit Linux“, die den Idealen des CCC besonders nahe kommt und die Herzen der Frickler hoch schlagen lässt, nie einen wirklichen Durchbruch am Markt erlebt hat.

Aus dem Maschinenraum (19): Die vollständige Gängelung rückt nahe – Digitales Denken – Feuilleton – FAZ.NET.

3 Responses to " Wenig Durchblick im Maschinenraum: CCC-Sprecherin beklagt „vollständige Gängelung“, die es so gar nicht gibt "

  1. Frank Simon sagt:

    Hi.

    auch wenn ich mahce der Kritik verstehen kann, gibt es ohne Zweifel eine Tendenz zur Gaengelung.

    Es geht nicht darum, dass man ein subventioniertes Handy nicht bei jeden Provider nutzen kann. Es geht darum, dass einen die Alternative garnicht erst angeboten wird. Ich kann hier das iPhone in den USA nicht zum vollen Preis kaufen und mit einen anderen Provider betreiben.

    Ich kann ein iphone was ich in DE kaufte (bis zum 27.10.) nicht in den USA nutzen wg. einen Sim/netlock. Das _ist_ eine Gaengelung.

    Anderes Beispiel: Ich moechte in Deutschland US Originalfernsehserien sehen. Auch wenn sich das leicht gelockert hat, kann ich das nicht. SELBST wenn ich bereit bin dafuer zu zahlen. Ausser raubkopieren gibt es kein Weg. Es ist egal, ob das eine neue Folge von NCIS, die Serie West Wing vor 10 Jahren ODER Dokumentationen des Discovery Channels sind. Auch wenn ich bereit bin zu zahlen, verhindern Schutzregelungen fuer Vertriebsfirmen das ich das sehen kann, was ich will. Das _ist_ eine Gaengelung.

    Ich selbst bin seit 20 Jahren Apple User und auch _ich_ sehe Apples Strategie extrem skeptisch. Google & Apple sind nicht mehr die „guten“ oder „Microsoft“ der extrem boese.

    Es gibt viele weitere Beispiele. Konstanze hat es sicher stark vereinfacht, aber diese Antwort leider genauso.

    Terra

  2. Christoph sagt:

    @Terra Nun erscheint die FAZ ja nicht nur einmal im Quartal. Daher fand ich es schon komisch, dass Constanze Kurz zur Attacke auf das Vertriebsmodell des iPhones geblasen hat – ausgerechnet in der Woche, in der Apple sich endlich geöffnet hat. Man konnte übrigens auch vor dem 27.10. in Deutschland ein iPhone ohne SIM- oder Net-Lock kaufen. Online-Läden wie der 3GStore haben gut davon gelebt. Meiner Ansicht ist hier aber auch der Gesetzgeber gefragt. Die „freien“ iPhones stammen ja aus Ländern wie Italien, wo per Gesetz vorgschrieben ist, dass ein Handy auch immer in einer Variante ohne SIM- oder Net-Lock auf den Markt kommen muss.

  3. Billy sagt:

    „Apple-Chef Steve Jobs geht es bei seinem Modell nicht in erster Linie darum, “der typisch amerikanischen, disneyesken Familienfreundlich-Ideologie” den Weg zu bereiten, auch wenn Jobs inzwischen (wegen des Verkaufs seiner Trickfilm-Firma Pixar an Disney) der größte Aktionär des Disney-Konzerns ist… „

    Erschreckend, wieviel navie Menschen es gibt, die so etwas glauben. Eines muss man Jobs lassen: Das Marketing ist ausgezeichnet.

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