Geschichte des Apple Macintosh – Xerox PARC

Von | Apple, Tech History

Update: Zu Geschichte des Apple Macintosh habe ich inzwischen eine eigene
Website, Mac History, eingerichtet.

Bei Mac History befindet sich auch eine aktualisierte Version des Textes zu Apple und Xerox PARC und die Frage, ob Steve Jobs seine Idee für den Apple Macintosh bei Xerox „geklaut“ hat.

Immer wieder wird gesagt, Apple habe sich bei der Entwicklung des Macintosh nur der Ideen bedient, die zuvor im Forschungslabor Xerox PARC ausgebrütet worden waren. Legende oder Wahrheit?


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Im Film „Pirates of Silicon Valley“ wird das Thema „Apple und Xerox“ etwas ironisch abgehandelt

In den USA steht der Name “Xerox” für das Fotokopieren, so wie in unseren Breiten “Tempo” für ein Papiertaschentuch oder “Tesa” für einen Klebefilm. Schließlich hatte die Xerox Corp. bereits 1950 als erstes Unternehmen der Welt die von dem amerikanischen Jura-Studenten Chester Carlson erfundene “Xerographie” in ein funktionierendes Produkt umgesetzt.

Xerox LogoEnde der 60er Jahren sah das Xerox-Management die Gefahr, dass japanische Firmen den technologischen Vorsprung von Xerox einholen könnten. Außerdem befürchtete die Xerox-Spitze, dass mit den kommenden Computer-Generationen das “papierlose Büro” entstehen könne, in dem Xerox keinen Platz mehr hat. Vor diesem Hintergrund wurde 1971 das Xerox Palo Alto Research Center (PARC) in Kalifornien gegründet.

John Warnock, ehemaliger Forscher bei Xerox PARC und später einer der beiden Gründer von Adobe Systems, erinnert sich: „Die Atmosphäre hier war wie elektrisiert, es herrschte totale intellektuelle Freiheit. Es gab keinen ‚gesunden Menschenverstand‘, fast jede Idee wurde als Herausforderung angesehen und wurde regelmäßig hinterfragt.“ Auch Larry Tessler, der später bei Apple den Macintosh und den Newton PDA mit entwickelte, genoss in den 70er Jahren die Freiheiten im PARC: „Das Management sagte: Geht los und erschafft die neue Welt, wir verstehen sie nicht. Hier waren Leute mit vielen Ideen und einem enormen Talent versammelt, jung und energiegeladen.“ Das Problem war nur, dass sich später die Unternehmensführung an der Ostküste der USA keinen Deut für die Forschungsergebnisse aus dem PARC interessierte, wenn sie nicht im engeren Sinne mit Fotokopierern zu tun hatten.

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Robert Cringley interviewt in seinem Film „Triumph of the Nerds“ Forscher vom Xerox Parc


Innerhalb von zwei Jahren entwarfen die Forscher im PARC den Alto, der so etwas wie der erste Personal Computer war. Der Alto hatte keine zeichenorientierte Grafik wie alle anderen Computer dieser Zeit, sondern eine bitorientierte Ausgabe. Was auf dem Bildschirm erschien, konnte so auch auf einem Hochqualitätsdrucker auf Papier gebracht werden.

Xerox Alto
Xerox Alto

Allerdings konnte man diese Wundermaschine nicht frei auf dem Markt kaufen. Es wurden schätzungsweise 1500 Stück davon produziert. 1000 setzte Xerox selbst intern ein, der Rest ging an Universitäten und Behörden.


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Ein Werbespot für den Xerox Alto aus Robert Cringleys Film „Triumph of the Nerds„.

Jef Raskin, der bei Apple zuerst mit dem Macintosh-Projekt beauftragt war, stand in regelmäßigen Kontakt mit den PARC-Forschern und versuchte, das Apple-Management davon zu überzeugen, dass für die Entwicklung des Apple Lisa eine grafische Benutzeroberfläche wie beim Alto eingesetzt werden sollte.

Raskin sagt, er habe Jobs in das PARC führen wollen, doch wegen der persönlichen Abneigung gegen Raskin habe Jobs einfach nicht auf die Offerte eingehen wollen. Erst mit der Hilfe von Bill Atkinson habe sich Jobs auf den Weg ins PARC gemacht. Egal wie der Kontakt nun zustande kam: Der Besuch bedeutete im Leben des Steve Jobs ein Wendepunkt: Die drei Technologien, die der 24jährige dort sah, waren jede für sich revolutionär: die erste grafische Benutzeroberfläche für Computer, vernetzte Alto-Rechner, die E-Mails austauschen können und Objektorientiertes Programmieren.


Demo des Xerox Alto (aus: Triumph of the Nerds)

Noch 17 Jahre nach diesem Besuch kann sich Jobs genau erinnern: „Ich war total geblendet von dem ersten Ding, das sie mir zeigten: Die grafische Benutzeroberfläche. Ich dachte, das ist das beste Ding, was ich je in meinem Leben gesehen habe. Es hatte noch viele Schwächen. Was wir sahen war unvollständig. Sie hatten eine ganze Reihe Sachen falsch gemacht. Aber zu der Zeit wussten wir das nicht. Aber dennoch: Sie hatten den Keim der Idee geschaffen, und sie hatten es sehr gut gemacht. Und innerhalb von zehn Minuten war mir klar, dass eines Tages alle Computer so arbeiten würden.“

Adele Goldberg
Adele Goldberg

Jobs entschloss sich, die Strategie von Apple neu auszurichten und voll auf das im Xerox PARC gesehene „Graphical User Interface“ (GUI) zu setzen. Adele Goldberg, damals Forscherin im PARC, ahnte schon, dass der Besuch von Jobs weit reichende Folgen haben wird: „Er kam zurück und (…) verlangte, dass sein ganzes Programmierteam eine Demo vom Smalltalk System bekommt. Und der Leiter des Forschungszentrums bat mich, die Demo zu geben, weil Steve extra darum gebeten hatte. Aber ich sagte ‚Nein‘. Ich hatte einen großen Streit mit diesen Xerox Managern, denen ich erzählte, dass sie gerade ihr Tafelsilber weggäben. Ich sagte, ich würde es nur tun, wenn sie es anordnen würden. Denn dann würden sie selbst verantwortlich sein. Und genau das taten sie dann auch.“


Larry Tessler, Adele Goldberung und Steve Jobs über „Apple und Xerox“ (aus: Triumph of the Nerds)

Den Eintritt ins PARC erkaufte sich Apple durch einen Aktiendeal, der den Xerox-Managern an der Ostküste lukrativ erschien: Sie durften 100 000 Apple-Aktien für eine Millionen Dollar kaufen. Mit dieser Eintrittskarte in der Hand rückten Steve Jobs, Apple-President Mike Scott, Bill Atkinson und etliche Mitglieder der Entwickler-Teams an. „Was wir in diesen anderthalb Stunden bekommen haben, war Inspiration“, sagte später Atkinson. „Außerdem unterstützte uns die Demo in unserer Überzeugung, dass der grafikorientierte Ansatz bei der Bewältigung von Computer-Aufgaben dazu beitragen würde, diese Geschäftscomputer zugänglicher zu machen.“


Xerox Alto (1973 Prototyp Workstation)

Larry Tesler, der damals als PARC-Angestellter an der Demo teilnahm, war von den Besuchern fasziniert: „Nach einer Stunde verstanden sie die Technologie unserer Demos und was sie bedeuteten besser als jeder Xerox-Manager nach all den Jahren, in denen wir sie ihnen gezeigt hatten.“

Kinder spielen mit einem Prototypen des Xerox Alto

Das Macintosh-Team nahm die Ideen aus dem PARC auf, veränderte aber viele Funktionsweisen und fügte unzählige neue Features hinzu. So kannte der Xerox Alto beispielsweise keine Menüs, die vom oberen Bildschirmrand herunter klappen, sondern arbeitete mit einer Art Pop-up-Fenster. Außerdem öffnete sich bei einem Doppelklick auf ein Dokument nicht das Fenster automatisch, sondern es musste von Hand aufgezogen werden. Atkinson schrieb in monatelanger Kleinarbeit für den Lisa und Macintosh die QuickDraw-Routine, mit der erstmals überlappende Fenster auf dem Computer-Bildschirm gezeichnet werden konnten.

Screen des Xerox Star
Screen des Xerox Star

Im Gegensatz zum ersten Mac verfügte der Alto auch nicht über eine vollständige Schreibtisch-Metapher und geniale Desktp-Symbole wie den Mülleimer, der nicht nur Computer-Novizen das Löschen von Dateien sehr erleichterte. Zu den historischen Errungenschaften des Mac-Teams gehört auch der Macintosh Human Interface Guide, der beispielsweise festlegte, dass in einer Macintosh-Applikation ein Dokument immer mit dem Befehl Apfel-S gespeichert wird.

Für Xerox blieb der bittere Nachgeschmack, eine historische Chance verpasst zu haben, zumal parallel zu den Apple-Entwicklern auch Bill Gates und seine Microsoft-Truppe im PARC ein- und ausgegangen waren (übrigens ohne ein vergleichbares Eintrittsticket, wie Jobs es sich mit dem Aktiendeal verschafft hatte).

„Xerox könnte heute die gesamte Computerindustrie besitzen“, sagte Steve Jobs 1996. „Sie könnten heute ein zehnmal so großes Unternehmen sein. Sie könnten IBM sein- sie hätten das IBM der 90er Jahre sein können. Sie hätten das Microsoft der 90er sein können.“

Microsoft hat übrigens im Streit mit Apple um die Plagiatvorwürfe rund um die ersten Windows-Versionen darauf verwiesen, dass Apple und Microsoft sich beide großzügig bei Xerox bedient hätten. Etwas überspitzt wird diese Episode im Film „Pirates in the Silicon Valley“ geschildert:

Christoph Dernbach

2 Responses to " Geschichte des Apple Macintosh – Xerox PARC "

  1. […] hab ich beim Kollegen “Mr Gadget” Christoph Dernbach eine sehr detaillierte Schilderung der historischen Ereignisse rund um Xerox, Steve Jobs und Bill Gates […]

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