Die Geschichte des Macintosh – Piraten im Valley

Von | Apple, Tech History

Update: Zu Geschichte des Apple Macintosh habe ich inzwischen eine eigene Website, Mac History, eingerichtet.

Mit dem Macintosh revolutionierte Apple vor 20 Jahren die gesamte Computer-Industrie. Steve Jobs und sein geniales Macintosh-Team sorgten mit ihrem Konzept dafür, dass Computer auch von dem normalen „Menschen auf der Straße“ – und nicht nur von Experten – bedient werden konnte.

»Lost 1984 Videos«

„Insanely great“ – „Wahnsinnig toll“ – Steve Jobs konnte seine Begeisterung zum Marktstart des ersten Macintosh kaum in Worte fassen.  Auf der legendären Aktionärsversammlung am 24. Januar 1984 im Flint Center unweit des Apple Campus in Cupertino zitierte der Apple-Mitbegründer zunächst Bob Dylans „The Times They Are A-Changin’“, um dann gegen eine drohende Vorherrschaft der jungen Computerindustrie durch IBM zu polemisieren. „IBM will sich alles unter den Nagel reißen und richtet seine Gewehre gegen das letzte Hindernis, um die Computerbranche zu kontrollieren: Apple. Wird Big Blue die gesamte Computer-Industrie beherrschen? Das gesamte Informations-Zeitalter? Hatte George Orwell recht?“ Die Menge, darunter das komplette Macintosh-Entwicklerteam, schrie zurück: „Nooooo!“

Der dritte Meilenstein

Bislang habe es in der Computer-Industrie nur zwei Meilenstein-Produkte gegeben: den Apple II im Jahr 1977 und der IBM PC in 1981, sagte Jobs weiter. „Heute (…) führen wir das dritte Meilenstein-Produkt ein, den Macintosh. Viele von uns haben über zwei Jahre lang am Macintosh gearbeitet und er ist wirklich wahnsinnig toll geworden.“ Schaut man sich heute – 20 Jahre später – die Geschichte des Personals Computers an, lag Steve Jobs damals mit seinem historischen Vergleich richtig, wenngleich nicht IBM über die Jahre zum großen Beherrscher der Computer-Industrie wurde, sondern die Allianz aus Microsoft und Intel.

Steve Jobs
Steve Jobs

Vor dem Entwicklungsteam des Macintosh hatten schon andere versucht, einen Computer mit einer Maus und einer grafischen Benutzeroberfläche zu bauen – ein Jahr zuvor Apple selbst mit dem 10 000 Dollar teuren Businessrechner Lisa. Doch im Gegensatz zu seinen elitären Vorgängern sollte der neue Macintosh nicht nur wenige Experten im kalifornischen Silicon Valley begeistern, sondern die Massen erobern – und den Standard für zukünftige Computer-Generationen setzen.

Computer-Kolumnist Bob Ryan erkannte damals sofort den revolutionären Kern des Macs. „Das ist eine Maschine, die die Massen der Menschen anspricht, die weder Zeit noch Lust dazu haben, den langen Lern-Prozess zu beginnen, der notwendig ist, um die Komplikationen der gegenwärtige Generation der Personal Computer beherrschen zu können.“

Gegen Big Brother IBM

Mit dem neuartigen Macintosh glaubte Apple einen Weg gefunden zu haben, dem Computer-Giganten IBM wieder die Führerschaft im damals noch jungen Markt der Personal Computer abnehmen zu können.

IBM hatte seinen ersten PC im Jahr 1981 vorgestellt und innerhalb weniger Monate den Apple II als erfolgreichsten Personal Computer vom Thron gestoßen. Innerhalb drei Jahre verkaufte „Big Blue“ über zwei Millionen IBM-PC. Daher richtete sich die 15 Millionen Dollar teure Werbekampagne von Apple zur Markteinführung des Macintosh direkt gegen IBM. Die gewaltige Werbeaktion war letztlich auch dafür verantwortlich, warum Apple den ursprünglich geplanten Startpreis des Mac um 500 Dollar auf 2495 Dollar erhöhte.


Link: sevenload.com

Der berühmteste Super Bowl Werbespot aller Zeiten

Allein der historische „1984“-Werbespot, der am 22. Januar 1984 während des Super Bowl XVIII knapp 100 Millionen TV-Zuschauern in den USA gezeigt wurde, kostete weit über eine Million Dollar, davon rund 800 000 Dollar für den Slot in den Werbepausen des TV-Senders CBS. Der spektakuläre Werbefilm zeigte eine junge athletische Frau, die von düster wirkenden Sicherheitskräften mit Helmen und Schlagstöcken gejagt wird. Die Frau sprintet an Reihen mit kahl geschorenen Menschen vorbei, die verstaubte Kleider tragen und wie Zwangsarbeiter aussehen. Auf einem überdimensionalen Videoschirm folgen sie apathisch dem ideologischen Vortrag von Big Brother nach dem Vorbild des Romans „1984“ von George Orwell.

Die junge Frau, die eine kurze rote Jogginghose und ein weißes Macintosh-T-Shirt trägt, schleudert einen Vorschlaghammer in Richtung „Big Brother“ und zertrümmert den Bildschirm. Aus dem Off hört man dann die Stimme: „Am 24. Januar wird Apple Computer Macintosh einführen. dann werden Sie sehen, warum 1984 nicht wie ‘1984’ sein wird.“

Der Mac selbst wurde in dem Werbespot gar nicht gezeigt – aber die Botschaft war klar: Apple will die Menschheit von dem unterdrückerischen Einheits-PC von IBM befreien. Nach dem Football-Finale, in dem sich übrigens Kalifornien mit den Los Angeles Raiders gegen den Osten der USA mit den Washington Redskins mit 38 zu 9 durchsetzen konnte, griffen viele TV-Stationen den umstrittenen Spot in ihren Nachrichten-Sendungen immer wieder auf und wiederholten ihn zum Teil in voller Länge. Experten haben damals geschätzt, dass allein die Reaktion der Medien eine Werbewirkung erzeugt haben, die man eigentlich für fünf Millionen Dollar hätte kaufen müssen.

Es begann mit „Annie“

Bis zum Tag der offiziellen Vorstellung des Macintosh am 24. Januar 1984 war es ein langer Weg gewesen. Fünf Jahre zuvor, im Frühling 1979 machte sich Apple-Chairman Mike Markkula Gedanken darüber, ob sein Unternehmen nicht einen 500-Dollar-Computer auf den Markt bringen sollte. Markkula beauftragte Jef Raskin mit dem geheimen „Annie“-Projekt. Raskin war für die Publikationen bei Apple, insbesondere Handbücher, verantwortlich und sollte eigentlich sich stärker um die Entwickler kümmern, die Anwendungen für den Apple II schreiben. „Ich sagte Markkula, dass ‘Annie’ ein klasse Projekt ist, dass man für 500 Dollar aber nicht viel machen kann“, erinnert sich Raskin später. „Gleichwohl steckte in dem Projekt etwas, von dem ich seit einiger Zeit geträumt habe, was ich Macintosh genannt habe. Im Kern ging es darum, etwas komplett aus der menschlichen Perspektive heraus zu entwickeln.“

Raskin wählte damit einen völlig neuen Ansatz, denn bislang definierte stets das „technisch Machbare“ das Design eines Computers. Der studierte Informatiker, der bei seiner Anstellung sein Diplom vor den Apple-Gründern verheimlichte (weil die Steve Wozniak und Steve Jobs Akademikern extrem misstrauisch begegneten), wollte einen Computer für den normalen Menschen auf der Straße bauen – und dieser durfte natürlich auch nicht unerschwinglich sein. Raskins Ausdruck von der „Person in the Street“ wurde bei Apple zum geflügelten Wort, das mit PITS abgekürzt wurde.

Der erste Entwurf von Raskin sah einen geschlossenen Computer inklusive Monitor, Tastatur und Drucker vor, der ohne externe Kabel auskommen sollte – und das alles für 500 Dollar. Dafür sollte der Macintosh aber nur mit einem winzigen 5-Zoll-Display, einer Billig-CPU (6809) und einem extrem eng bemessenen Hauptspeicher von 64 Kilobyte ausgestattet sein.

Jeff Raskin und Steve Jobs
Steve Jobs und Jef Raskin

Steve Jobs hatte sich zu diesem Zeitpunkt nicht besonders um das Macintosh-Projekt gekümmert – und Raskin versuchte in einer dunklen Vorahnung auch alles, um den Apple-Mitbegründer außen vor zu halten. Im Sommer 1980 bahnte sich jedoch gerade ein massiver Konflikt zwischen Jobs und Apple-President Mike Scott an, denn Scott wollte Jobs aus der konkreten Entwicklungsarbeit an dem neuen Lisa heraus drängen. Mit seinem launigen und zeitweise sehr aggressiven Führungsstil hatte Jobs viele Entwickler vor den Kopf gestoßen. Außerdem traute Scott ihm keine größere Management-Rolle zu und wollte ihn auf die weniger wichtige Rolle eines Firmensprechers und Promoters im Vorfeld des Apple-Börsenganges am 12. Dezember 1980 festlegen.

Steve Jobs entdeckt den Mac

Der Gang an die Börse machte Jobs zum Multimillionär – doch er besaß nicht genügend Aktien, um Apple Computer insgesamt und damit auch seine eigene Aufgabe innerhalb von Apple bestimmen zu können. Anfang 1981 stand er zumindest ohne Verantwortung für ein bestimmtes Projekt dar. Zum Leidwesen von Jef Raskin stürzte sich Jobs auf das Macintosh-Projekt, das zu diesem Zeitpunkt im Apple-Aufsichtsrat (Board) noch nicht richtig ernst genommen wurde.

Doch Steve Jobs wusste, was er wollte. Er hatte bei Xerox PARC die grafische Benutzeroberfläche des Xerox Alto gesehen. Statt grüner Buchstaben auf dunklem Hintergrund sah man weiße Dokumenten-Fenster mit schwarzer Schrift – wie bei einem Blatt Papier. Verschiedene Schriftarten konnten ausgewählt werden. Die Grafikkarte steuerte auf dem Bildschirm frei einzelne Pixel an. Mit Hilfe einer Maus konnte ein Zeiger auf dem Bildschirm bewegt werden, um Texte zu markieren oder Befehle auszuführen. Dateien wurden durch Symbole auf einem virtuellen Schreibtisch repräsentiert. Den Alto konnte man nicht kaufen. Allein der Hauptspeicher dieses Experimental-Computers hätte zu diesem Zeitpunk rund 7000 Dollar gekostet. Jobs wollte einen Computer noch besser als der Alto – und auch besser als Apples Lisa. Die neue Wundermaschine sollte aber nur einen Bruchteil von Lisa kosten, für den man inklusive externer Festplatte rund 12 000 Dollar zahlen musste.

Piratenflagge

Piratenflagge über dem
Gebäude der Mac-Entwickler
„Bandley III“

Innerhalb von Apple sammelte Jobs eine kleine, verschworene Mannschaft zusammen – und nahm auf andere Projekte im Haus keine Rücksicht. Andy Hertzfeld, einer der wichtigsten Software-Designer im Macintosh-Entwicklungsteam, erinnert sich: „Steve platzte in mein kleines Cubicle-Büro herein und sagte, ‘Okay, Du arbeitest jetzt am Mac.’ Ich sagte ihm, dass ich noch ein paar Tage brauche, um eine Arbeit für den Apple II abzuschließen. Doch er sagte einfach ‘Nein’ und zog den Stromstecker von meinem Apple II aus der Steckdose. Ich konnte noch nicht einmal meine Arbeit speichern.“ Jobs nahm Hertzfelds Rechner, packte ihn in den Kofferraum seines Autos, und fuhr ihn zum benachbarten Gebäude „Bandley III“, in dem Jobs das Macintosh-Team versammelt hatte. „Was blieb mir anderes übrig, als ihm zu folgen?“

Die Macintosh-Piraten

Auf dem Dach „Bandley III“ wehte eine Piratenflagge mit dem Apple-Symbol als Augenklappe – und an Deck des virtuellen Piratenschiffs stand mit Steve Jobs ein Mann, der es allen bei Apple beweisen wollte. Erstes Opfer von Jobs wurde Jef Raskin, der lange gegen den Einsatz einer Maus gekämpft hatte und statt dessen einen Stift oder Joystick bevorzugt hatte. Nachdem Jobs seinem Widersacher die Verantwortung für die Software abgenommen hatte, gab Raskin entnervt auf und verließ im März 1982 Apple Computer.

Rückblickend kann Raskin für sich beanspruchen, als erster bei Apple die Vision eines preiswerten, einfach zu bedienenden Volkscomputers vorgelegt zu haben. Um „seinen“ Macintosh unter der Preisschwelle von 1500 Dollar zu halten, wollte Raskin jedoch auch technische Kompromisse eingehen, die den Erfolg des Macs gefährdet hätten. So wollte er etwa aus Kostengründen den Hauptspeicher unbedingt auf winzige 64 Kilobyte begrenzen. Jobs setzte 128 Kilobyte durch – und selbst dieser Platz war später für die Systemprogrammierer eigentlich viel zu eng. Raskin hielt nicht viel von den Innovationen, die das Lisa-Team im Xerox PARC aufgeschnappt hatten und lehnte deshalb auch den Umstieg auf den leistungsfähigeren 68000er-Prozessor ab, der auch in dem Lisa steckte. Was aus dem Mac geworden wäre, wenn Raskin sich mit seiner extremen Sparsamkeit und seinem Widerstand gegen die Maus durchgesetzt hätte, ist kaum vorstellbar.

Nachdem die inneren Zwistigkeiten beigelegt waren, konzentrierte sich das Mac-Team nun voll auf den firmeninternen Wettstreit mit der viel größeren Lisa-Entwicklungsmannschaft. Jobs hatte zuvor aus dem Lisa-Team geniale Programmierer wie Bill Atkinson und Steve Capps abgeworben.

Liebe und Hass

Als Projektmanager war Steve Jobs nicht nur innerhalb von Apple sehr umstritten: „Er war manchmal unausstehlich – und dass kommt von seinen hohen Anforderungen. Er stellt extrem hohe Anforderungen“, erinnert sich der Erfinder des Netzstandards Ethernet, Bob Metcalfe, der damals als Forscher im benachbarten Forschungsinstitut Xerox PARC arbeitete. „Und er hat keine Geduld mit Leuten, die entweder diese hohen Anforderungen nicht teilen oder sie nicht erfüllen.“ Dennoch hält Metcalfe noch heute viel von Jobs, denn er setzte die im Xerox PARC geschaffene Vision in die Wirklichkeit um.  „Steve Jobs steht auf meiner Liste der Ewigen Helden. Und er kann nichts tun, um da wieder herunterzukommen.“


Larry Tessler und Bob Metcalfe über Steve Jobs (aus: Triumph of the Nerds)

Die Hochachtung für Jobs teilt auch Andy Hertzfeld, der den Systemkern des Mac im Macintosh-ROM geschrieben hat, obwohl er manchmal unter den Wutattacken seines Chefs zu leiden hatte: „Steve war sehr verärgert, dass der Mac zunächst so lange zum Booten brauchte. So versuchte er (den Software-Entwickler) Larry Kenyon zu motivieren. Er erzählte ihm: Du weißt, wie viele Menschen diese Maschine kaufen werden? Es werden Millionen sein. Stellen wir uns vor, dass Du die Maschine eine Sekunde schneller booten lassen kannst. Das macht bei zehn Millionen Nutzern 360 Millionen Sekunden im Jahr. Das entspricht 50 Menschenleben. Würdest Du nicht auch drei Tage investieren, um 50 Menschenleben zu retten. Es war ein netter Weg, so über das Problem nachzudenken.“ Kenyon machte sich noch einmal an die Arbeit und verkürzte den Bootvorgang um weitere drei Sekunden.

Im internen Wettstreit bei Apple, ob der Lisa oder Macintosh früher fertig wird, zog Jobs den Kürzeren. Er verlor eine persönliche 5000-Dollar-Wette gegen den Lisa-Teamchef John Couch, als der Apple-Businesscomputer im Januar 1983 – und damit letztlich ein Jahr vor dem Macintosh – auf den Markt kam. Doch der Lisa-Computer erwies sich bald als riesiger Flop. Mit 10 000 Dollar (ohne Festplatte) war er viel zu teuer, die grafische Benutzeroberfläche verschlang die Power des Lisa, so dass der Rechner nicht besonders flott arbeitete. Es fehlten die notwendigen Programme, um die Geschäftswelt in Massen zum Kauf des Lisa zu bewegen. Außerdem hatte die neu aufgestellte Vertriebsmannschaft kaum Erfahrungen im Umgang mit Corporate America.

Lisa-Flop bringt Apple in Not

Der Misserfolg des Lisa brachte Apple 1983 in eine gefährliche Schieflage. Die bisherige Cash-Cow, der Apple II, bot inzwischen nicht mehr taufrische Technologie und sah sich einem scharfen Wettbewerb mit dem IBM PC ausgesetzt. Nun musste der Macintosh Apple Computer vor dem Untergang retten. Im ersten Businessplan war Apple im Sommer 1981 davon ausgegangen, dass zwischen 1982 und 1985 über 2,2 Millionen Macs verkauft werden können, also rund 47 000 Stück pro Monat. Doch nun kam der Mac erst Anfang 1984 auf den Markt. Und nachdem die Gemeinde der Computer-Nerds (zumindest diejenigen, die sich den ersten Mac leisten konnten) ihren Kaufrausch befriedigt hatte, sackte der Absatz des Macintosh dramatisch auf rund 5 000 Geräte pro Monat ab.

Daran konnte auch Apple-Chef John Sculley nicht viel ändern. Steve Jobs hatte Sculley von Pepsi mit dem Satz „Wollen Sie Ihr Leben lang Zuckerwasser verkaufen oder die Welt verändern?“ abgeworben, um das Management und Marketing bei Apple zu professionalisieren. Und zunächst arbeiteten Jobs und Sculley bei Apple trotz sehr unterschiedlicher Führungsmethoden harmonisch und wurden von der Öffentlichkeit als „Dynamic Duo“ bei Apple gefeiert. Doch der schleppende Absatz des Macs lies bald ernste Spannungen zwischen Jobs und Sculley aufkommen.

Sculley erinnert sich: „Der Mac konnte einfach nicht viel: Wir hatten Mac Paint und Mac Write als einzige Anwendungen, und der Markt hatte das schon gemerkt. Am Ende des Jahres sagten die Leute: Vielleicht ist der IBM-PC nicht so einfach zu benutzen oder so attraktiv wie der Macintosh. Aber er macht etwas, was wir gerne tun wollen – Tabellenkalkulation, Textverarbeitung, Datenbank. Wir sahen die Umsatzzahlen für den Mac Ende 1984 runtergehen, und das wurde ein Problem im folgenden Jahr.“

Dem Mac fehlten einfach die Anwendungen, die im IBM-Werbespot für den PC die Charly-Chaplin-Figur Karton für Karton durchs Bild schleppte. Daher bemühten sich Guy Kawasaki und andere „Software Evangelists“ von Apple die Entwickler in anderen Softwarefirmen davon zu überzeugen, Programme für den Mac zu schreiben. Das mit 128 Kilobyte viel zu enge bemessene ROM des Mac machte diese Aufgabe nicht einfach. Erst als ein Jahr nach dem ersten Macintosh der „Fat Mac“ mit 512 Kilobyte raus kam, war der enge Flaschenhals beseitigt.

Sculley vs. Jobs

Das Problem spitzte sich zu, als Anfang 1985 sich in der Lagern die Macs türmten, die im Weihnachtsgeschäft 1984 keine Käufer gefunden hatten. Apple musste den ersten Quartalsverlust in der Unternehmensgeschichte veröffentlichen und ein Fünftel der Belegschaft entlassen. In einem Marathon-Meeting am 10. und 11. April 1985 verlangte Sculley, Steve Jobs den Posten eines Apple Vicepresident und General Managers der Macintosh-Abteilung zu entziehen. Als neuer Apple-Chairman sollte Steve Jobs nach dem Willen von Sculley die Firma nach außen hin vertreten, ohne Einfluss auf das Kerngeschäft zu haben.

Als Jobs von den Entmachtungsplänen Wind bekam, versuchte er einen Putsch gegen Sculley im Apple-Board zu organisieren. Sculley sagte dem Board: „Schaut her, das ist Steves Firma. Ich wurde hier her geholt, um zu helfen. Und wenn ihr Steve die Firma führen lassen wollt, ist das auch in Ordnung. Wir müssen aber entscheiden, was wir tun wollen. Und jeder muss hinter dieser Entscheidung stehen.“ Die Mehrheit im Board stand hinter dem Ex-Pepsi-Mann und wandte sich von Steve Jobs ab. Am 31. Mai 1985 verlor Jobs seine Verantwortlichkeiten und wurde auf den Chairman-Posten abgeschoben. Im September verließ der Apple-Mitbegründer mit einer Handvoll Leute das Unternehmen, um NeXT Computer zu begründen. „Ich bin erst 30 Jahre alt und möchte noch etwas leisten und erreichen“, schrieb Jobs zum Abschied an Mike Markkula.

Auch zehn Jahre später äußerte sich Steve Jobs in der TV-Dokumentation „Nerds in the Valley“ (1996) verbittert über seine Entmachtung: „Was soll ich sagen? Ich hatte mit Sculley den falschen Mann angeheuert.  Er zerstörte alles, wofür ich zehn Jahre gearbeitet hatte. Bei mir selbst angefangen, aber das war nicht das Traurigste. Ich hätte Apple gerne verlassen, wenn Apple sich so entwickelt hätte, wie ich es wollte.“

Die Seele von Apple

Andy Hertzfeld, einer der Väter des Macintosh, trauerte später offen Steve Jobs hinterher: „Apple hat sich nie davon erholt, Steve verloren zu haben. Er war das Herz und die Seele und der Motor. (…) Apple hat damals seine Seele verloren.“ Larry Tessler, der von Xerox zu Apple gekommen war, spricht dagegen von gemischten Reaktionen in der Apple-Belegschaft: „Jeder war an irgendeinem Punkt von Steve Jobs terrorisiert worden. So waren manche erleichtert, dass der Terrorist gegangen war. Auf der anderen Seite, gab es einen unglaublichen Respekt vor Steve Jobs bei denselben Leuten. Wir fürchteten alle, was mit der Firma ohne den Visionär, ohne den Gründer, ohne das Charisma passieren würde.“

Es ist eine Ironie der Computer-Geschichte, dass sich für Branchenexperten genau zum Zeitpunkt der Entmachtung von Steve Jobs wegen der schlechten Mac-Verkaufszahlen der Durchbruch des Macintosh am Markt abzeichnete. Die Ãœberzeugungsarbeit der „Macintosh Evangelists“ begann sich langsam auszuwirken. Neue Softwarefirmen wie Aldus hatten sich mühsam in die Details der „Macintosh Toolbox“ eingearbeitet und erste Desktop-Publishing-Programme wie PageMaker geschrieben. In Kombination mit dem Apple LaserWriter und dem von Adobe geschaffenen Seitenbeschreibungsstandard PostScript krempelte PageMaker die Technik der Publishing-Branche völlig um. Erst recht, als Anfang 1986 der Mac Plus mit 512 Kilobyte ROM auf den Markt kam. Der Mac Plus hatte sogar Cursor-Tasten auf der Tastatur, die Steve Jobs beim ersten Mac noch entschieden abgelehnt hatte, weil die Anwender zwingen wollte, die Maus als Eingabeinstrument zu akzeptieren.

Erfolg im zweiten Anlauf

1987 verkaufte Apple eine Millionen Macs und spielte plötzlich wieder in der IBM-Klasse mit. Ãœber die Hälfte der 2000 Dollar für einen Mac landeten als Gewinn bei Apple. Und Sculley und seine Kollegen im Apple-Vorstand glaubten, dass die User immer bereit seien, für bessere Technik auch viel mehr Geld zu zahlen. In diesen Jahren hat Apple die gigantische Chance versäumt, den Mac als allgemeinen Industriestandard zu etablieren. Man hätte damals nur entweder die Preise dramatisch senken müssen oder ein breites Lizensierungsprogramm mit anderen Hardware-Herstellern eingehen müssen. Mit der Vorstellung von Windows 3.0 im Jahr 1990 schloss sich dieses „Fenster der Möglichkeiten“.

Als Steve Jobs Anfang 1997 in schwierigen Zeiten für Apple zunächst als Berater, dann als Chef zu seinem alten Unternehmen zurückkehrte, war der Wettstreit zwischen Apple Computer und Microsoft um den Industriestandard längst entschieden. Ihm gelang es dann mit neuen Apple-Talenten wie Jonathan Ive nicht nur, die Firma wieder auf die Erfolgskurs zu setzen, sondern auch Zeichen in der Branche zu setzen. Mit dem iMac verblüffte Jobs auch gestandene Pioniere der Computerbranche: „Manchmal hat das, was Apple tut, einen elektrifizierenden Effekt auf uns alle“, meinte Intel-Mitbegründer Andy Grove. „Den iMac hätten wir niemals schaffen können, aber Apple ist einfach nach vorne gegangen und hat es getan.“

Christoph Dernbach

4 Responses to " Die Geschichte des Macintosh – Piraten im Valley "

  1. […] In gut 24 Stunden beginnt der Superbowl in Miami , in dem die Chicago Bears und die Indianapolis Colts um die Krone der National Football League (NFL) spielen. Nicht nur für die Fans des Footballs ist der Superbowl-Sonntag so etwas wie ein inoffizieller nationaler Feiertag, sondern auch für die Werbeindustrie. Ein 30-Sekunden-Spot in den Werbepausen, die der Fernsehsender CBS, der das Spiel überträgt und die Werbepausen vermarktet, kostet in diesem Jahr 2,6 Millionen Dollar. Als Apple 1984 mit seinem legendären Superbowl-Spot für den Macintosh warb, kassierte CBS immerhin auch schon 800 000 Dollar. […]

  2. […] voran. Welchen Beitrag Steve Jobs zur Entwicklung des Macs geleistet hat, habe ich in dem Beitrag Piraten im Valley […]

  3. Mr. Gadget » Blog Archiv » Warten auf den Superbowl sagt:

    […] vermarktet, kostet in diesem Jahr 2,6 Millionen Dollar. Als Apple 1984 mit seinem legendären Superbowl-Spot für den Macintosh warb, kassierte CBS immerhin auch schon 800 000 […]

  4. […] voran. Welchen Beitrag Steve Jobs zur Entwicklung des Macs geleistet hat, habe ich in dem Beitrag Piraten im Valley […]

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