Wie Tim Berners-Lee vor 20 Jahren das World Wide Web erfand

Tim Berners-Lee am CERN (1993) - Foto: Copyright CERN
Tim Berners-Lee am CERN (1994)
Foto: Copyright CERN
Als Tim Berners-Lee vor 20 Jahren sein Thesenpapier „Informationsmanagement: Ein Vorschlag“ schrieb, konnte er nicht ahnen, dass sein Entwurf später mit der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg verglichen werden sollte. Der britische Informatiker arbeitete damals am CERN, der Großforschungseinrichtung für Teilchenphysik in Genf. Um das Informationschaos am dem Institut zumindest in Grenzen zu halten, wollte Berners-Lee ein umfassendes Informationsnetz einrichten. „Ein Großteil der entscheidenden Informationen existierte nur in den Köpfen der Leute (am CERN)“, schrieb Berners-Lee 1999 in seinem Buch „Der Web-Report“. „Am meisten erfuhren wir bei der Konversation an jejen Kaffeetischen, die strategisch günstig an der Verbindung zwischen zwei Korridoren platziert waren.“ Tim Berners-Lee es mit einer kreativen Umgebung zu tun, in der wenig standardisiert war: „Die Wissenschaftler bringen verschiedene Computer, unterschiedlichste Software und Projekte mit, und obwohl sie aus verschiedenen Kulturen stammen und unterschiedliche Sprachen sprechen, schaffen sie es, einen Weg zur Zusammenarbeit zu finden. (…) Es war und ist eine extrem kreative Umgebung.“ Das vorgeschlagene Informationssystem sollte dazu beitragen, zumindest einige Schwächen in der Kommunikations-Infrstruktur am CERN zu beseitigen.

Vage, aber hochinteressant - Tim Berners-Lee musste um die Anerkennung seines Konzeptes kämpfen
Vage, aber hochinteressant - Tim Berners-Lee musste um die Anerkennung seines Konzeptes kämpfen
Foto: Copyright CERN
Doch seine Vorgesetzten konnten sich zunächst nicht für die Ideen des jungen Briten begeistern. „Vague, but exciting“ (Vage, aber hochinteressant), schrieb sein Boss Mike Sendall auf das Papier, das heute im CERN in einer Glasvitrine quasi als die Geburtsurkunde des World Wide Web ausgestellt wird. Es sollte noch etliche Jahre dauern, bis sich Berners-Lees Thesen weltweit durchsetzten. An diesem Freitag (13. März 2009) feiert das CERN den Projektantrag von Tim Berners-Lee als den 20. Geburtstag des Wolrd Wide Web.

Der damals 33 Jahre alte Brite war 1984 in die Schweiz gekommen, um neue Methoden für die Aufzeichnung und Verarbeitung eines neuen Elektronenbeschleunigers zu entwickeln. An dem Institut waren die unterschiedlichsten Computertypen und Dokumentenformate im Einsatz. Mit einem 1988 konzipierten Hypertext-System sollten die Forscher weltweit auf die Ergebnisse ihrer Kollegen zugreifen können sollten.

Tim Berners-Lee und Nicola Pellow, die den ersten Textzeilen-Browser geschrieben hat
Tim Berners-Lee und Nicola Pellow, die den ersten Textzeilen-Browser geschrieben hat

Doch ohne einen ordentlichen Projektantrag wurden ihm keine Ressourcen für die Ausarbeitung dieses Konzeptes zur Verfügung gestellt. So formulierte Berners-Lee im März 1989 sein Papier, das jedoch mit dem eigentlichen Forschungsauftrag des CERN, der Teilchenphysik, nichts zu tun hatte. „Es gab kein Forum, von dem ich eine Antwort erwarten konnte. Nichts geschah“, erinnert sich der Informatiker in seinem Buch „Der Web-Report“. In mühsamer Kleinarbeit versuchte er dann mit seinem Kollegen Robert Cailliau, die Forscher am CERN und Informatiker in aller Welt in persönlichen Gesprächen und langen E-Mails von dem Web-Konzept zu überzeugen.

Früher Textzeilen-Browser am CERN
Früher Textzeilen-Browser am CERN
Foto: Copyright CERN

Der Entwurf für das World Wide Web (WWW) enthielt drei Kernpunkte: Zum einen entwickelte Berners-Lee die „Hypertext Markup Language“ (HTML), die beschreibt, wie Seiten mit Hypertextverknüpfungen („Links“) auf unterschiedlichsten Rechnerplattformen formatiert werden. Mit dem „Hypertext Transfer Protocol“ (HTTP) definierte er die Sprache, die Computer benützen würden, um über das Internet zu kommunizieren. Außerdem legte er mit dem „Universal Resource Identifier“ (URI) das Schema fest, nach dem Dokumentenadressen erstellt und aufgefunden werden können.

Screenshot des ersten Web-Browsers
Screenshot des ersten grafischen Web-Browsers auf Tim Berners-Lees NeXT
Foto: Copyright CERN
Robert Cailliau
Robert Cailliau
Foto: Copyright CERN
Um seine Lobbyarbeit voranzutreiben, richtete Berners-Lee am Weihnachtsabend 1990 auf seinem NeXT-Rechner den Webserver info.cern.ch ein. Eine Kopie des Originals aus dem Dezember 1990 existiert nicht mehr. Auf dem Server des W3C kann man sich immerhin ein Abbild von info.cern.ch aus dem Jahr 1992 anschauen.

Doch auch mit der Einrichtung des ersten öffentlichen Webservers kam Berners-Lee zusammen mit Robert Cailiaun nur winzige Schritte voran. „Zu Jahresbeginn (1991) ermutigten Robert und ich etliche Mitarbeiter in den Abteilungen Computer und Netzwerk, das System auszuprobieren. Sie schienen nicht zu erkennen, wozu es nützlich sein könnte. Dies führte zu gewissen Spannungen zwischen uns, wie wir unsere beschränkten Ressourcen einsetzen sollten. Sollten wir es auf dem NeXT weiterentwickeln? Es für den Mac, den PC oder Unix neu programmieren? Der NeXT war zwar ein effizienter Computer, jedoch verfügten nur wenige Leute über ihn. Wofür wäre ein »weltweites« Netz gut, wenn es nur eine Handvoll Benutzer gab“

Für die meisten PC-Nutzer außerhalb der Universitäten war das Web damals ohnehin quasi unerreichbar. Es fehlten benutzerfreundliche Browser für Personal Computer. Zudem bewegten sich die Netzanwender damals häufig in abgeschotteten Onlinediensten wie CompuServe, AOL oder Btx.

1990 bestand das Web quasi nur aus diesem NeXT-Server am CERN
1990 bestand das Web quasi nur aus diesem NeXT-Server am CERN
Foto: Copyright CERN
Mit diesem Sticker wollte Berners-Lee verhindern, dass das Web zusammenbricht
This machine is a server - DO NOT POWER IT DOWN!! - Mit diesem Sticker wollte Berners-Lee verhindern, dass das Web zusammenbricht
Foto: Robert Scoble

Doch aller Rückschläge ging es voran: 1991 erschienen an mehreren europäischen Universitäten die ersten Webserver. Im Dezember 1991 ging der ersten Webserver außerhalb Europa in den USA am SLAC (Stanford Linear Accelerator Center) online. Im November 1992 waren 26 Server weltweit vernetzt, im Oktober 1993 waren es bereits 200 Webserver.

Das CERN legte im April 1993 mit einem wichtigen formalen Akt das Fundament für den Erfolg der von Tim Berners-Lee entwickelten Ideen. Das Institut gab das Web für die Öffentlichkeit frei und verzichtete bewusst auf Lizenzzahlungen oder eine Patentierung. Der Siegeszug des WWW fand dann aber außerhalb des CERN statt. Die wichtigste Internet-Gemeinde in den USA stieg mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit auf den WWW-Zug auf.

Marc Andreessen auf dem Titel von Time (19. Feb. 1996)
Marc Andreessen auf dem Titel von Time (19. Feb. 1996)
Der Student Marc Andreessen entwickelte im Februar 1993 am National Center for Supercomputing Applications (NCSA) der University of Illinois den ersten Mosaic-Browser. Später machte er sich mit Netscape daran, seine Software zur führenden Online-Plattform zu machen. Microsoft-Gründer Bill Gates, der lange Zeit auf angekapselte Onlinedienste wie MSN gesetzt hatte, erkannte 1994 den Trend, rief dann die Verfolgungsjagd auf Netscape aus und zettelte den berüchtigten „Browser-Krieg“ an.

Tim Berners-Lee ging 1994 in die USA, um am Massachusetts Institute of Technology das World Wide Web Consortium (W3C) zu gründen. In diesem Gremium werden unter seiner Leitung bis heute die technischen Entwicklungen des Web standardisiert. Für seine Verdienste wurde der Brite von Königin Elisabeth II. in den Ritterstand erhoben und erhielt den Orden „Knight Commander of the Order of the British Empire“. 1997 wurde er in den auf nur 24 Personen begrenzten „Order of Merit“ aufgenommen.

Ein schwerreicher Mann wie Bill Gates oder Marc Andreessen wurde Berners-Lee jedoch nicht. Wenn der Informatiker gefragt wird, ob er sich ärgert, nicht stärker finanziell von der Entwicklung des Web profitiert zu haben, lautet die Antwort: „Ich hatte bewusste Entscheidungen darüber getroffen, welchen Verlauf mein Leben nehmen sollte. Diese würde ich nicht ändern.“

Links zur Arbeit von Tim Berners-Lee und der Erfindung des World Wide Webs:

BusinessWeek (2007): Q&A with Tim Berners-Lee

Answers for young people – Tim Berners-Lee

TIME 100: The Most Important People of the Century – Tim Berners-Lee

Internet Pioneers: Tim Berners-Lee

CERN – How the web began

Update: Zu diesem Thema passt gut der Auftritt von Tim Berners-Lee auf der Konferenz TED, die gerade online gestellt wurde. Berners-Lee blickt auf die Entwicklung des Web vor 20 Jahren zurück und plädiert für ein Web der Daten, dass das Web der Dokumente ergänzen soll:






About Christoph

Check Also

Apple Stores in Deutschland auf einer interaktiven Landkarte

Die Apple Retail Germany GmbH betreibt in Deutschland nach der Eröffnung des Apple Stores in …

Kommentar verfassen