Kategorie-Archiv: Tech History

Im Memoriam Ed Roberts, Computer-Pionier und Erfinder des Altair 8800

Ed Roberts im Jahr 1975
Ed Roberts im Jahr 1975

Gestern ist Ed Roberts, Computer-Pionier und Erfinder des Altair 8800, im Alter von 69 Jahren gestorben. Mit dem Bausatz des Altair 8800, der in der Januar-Ausgabe der Zeitschrift “Popular Electronics” aus dem Jahr 1975 vorgestellt wurde, regte Roberts die Phantasie von jungen Computer-Freakts wie Bill Gates und Paul Allen an, die damals erkannten, dass in absehbarer Zukunft der Computer ein persönliches Produkt für den Massenmarkt sein wird.

“Ohne Bildschirm, Tastatur und Festspeicher hatte der Altair nur wenig Ähnlichkeit mit einem heutigen PC. Doch die Computerfreaks waren begeistert”, berichtet Andreas Stolte vom Heinz Nixdorf MuseumsForum. “Mithilfe von Kippschaltern und Leuchtdioden ließen sich einfache Programme schreiben.” In dem Computer-Museum in Paderborn ist der Altair Teil einer umfangreichen Präsentation der PC-Geschichte.



Video: Wie mit dem MITS Altair 8800 die PC-Revolution begann
Ausschnitt aus der TV-Dokumentation “Triumph of the Nerds”
http://www.pbs.org/nerds/

Bill Gates, damals knapp 20 Jahre alt und Student in Harvard, und Paul Allen, der als Programmierer für Honeywell arbeitete, gehören zu denjenigen, die nicht nur das technologische Potenzial des Altair 8800 erkannten, sondern auch die ökonomischen Perspektiven. Kaum hatten sie die Beschreibung des Bausatzes in der “Popular Electronics” durchgelesen, riefen sie den MITS-Inhaber Ed Roberts an, um ihm ein BASIC für den Altair 8800 anzubieten. Schließlich wurde die Kiste damals völlig ohne Betriebssystem oder Programmiersprache ausgeliefert.

Popular Electronics, Januar 1975
Popular Electronics, Januar 1975

“Erregt lasen wir von dem ersten echten Personal Computer, und obwohl wir noch keine genaue Vorstellung davon hatten, wozu er zu gebrauchen wäre, war uns doch schon bald klar, dass er uns und die Welt des Computings verändern würde”, schrieb Bill Gates 20 Jahre später in seinem ersten Buch “The Road Ahead” (Der Weg nach vorn). “Wir sollten recht behalten. Die Revolution ist eingetreten, und sie hat das leben von Millionen Menschen verändert. Wohin sie uns geführt hat, konnten wir uns damals kaum vorstellen.”

BASIC für den Altair existierte nur in der Fantasie der beiden jungen Programmierer. Und da sie auf die Schnelle keinen Altair-Bausatz besorgen konnten, programmierte Allen mit Hilfe eines Handbuchs für den Intel-Mikroprozessor 8080 einen Altair-Emulator für einen Großrechner in Harvard, auf den die beiden Zugriff hatten. Nach fünf Wochen harter Arbeit war das BASIC-Programm fertig – und die erste Firma, die Software für Mikrocomputer schrieb, war geboren. Das erklärt auch, warum Gates und Allen ihr Unternehmen “Microsoft” (damals noch “Mirco-Soft” geschrieben) nannten.

BASIC auf einem Papier-Tape für den Altair 8800
BASIC auf einem Papier-Tape für den Altair 8800

Der geschäftliche Erfolg von Microsoft ließ noch etwas auf sich warten. Zwar verkaufte sich der Altair 8800 und andere Bastel-Mikrocomputer wie der TRS-80 von Radio Shack halbwegs gut, doch häufig tauschen die Nutzer die Lochstreifen mit der Microsoft-Programmiersprache BASIC untereinander aus, so dass Gates und seine kleine Truppe leer ausgingen. Gates beschwerte sich am 3. Februar 1976 in einem “Offenen Brief an die Hobbyprogrammierer” über die Kopiererei und forderte die ersten Nutzern von Personalcomputern auf, nicht länger die Software zu stehlen.

Ed Roberts’ Unternehmen MITS wurde im Mai 1977 von der Pertec Computer Corporation aufgekauft, einem sehr viel größeren Hersteller von Diskettenlaufwerken. Pertec entwickelte noch eine ganze Serie von Altair-Computern und anderen Mikrocomputern, war aber längst nicht so geschäftstüchtig, wie die beiden jungen Microsoft-Gründer. Zum Untergang von Pertec und damit auch des Altair trug auch die Tatsache bei, dass das Unternehmen von Gates und Allen nicht die Rechte am BASIC erworben hatte und Microsoft die Programmiersprache auch für Altair-Clones und andere Personal Computer vermarkten konnten.

Roberts stieg nach der Übernahme durch Pertec aus dem Unternehmen aus und kaufte sich eine große Farm im Wheeler County (US-Bundesstaat Georgia). In den achtziger Jahren realisierte er einen Jugendtraum und studierte Medizin. 1986 promovierte er an der Mercer University. Seit 1988 arbeitete er in seiner Praxis für Innere Medizin in Cochran, Georgia. Roberts starb am 1. April 2010 an den Folgen einer Lungenentzündung.

The Associated Press: PC maker, inspiration for Microsoft dies in Ga.

Bill Gates – What I’m Thinking – Remembering Ed Roberts – The Gates Notes

Das Video zum Patentstreit zwischen Apple und HTC: "And, boy, have we patented it …"

Worum geht es im Kern im Patentstreit zwischen Apple und HTC bzw. Apple und Google?

Wichtigstes Detail dürfte die Multitouch-Technologie des iPhone sein, die Apple-Chef Steve Jobs im Januar 2007 bei der Premiere des iPhone auf der MacWorld Expo 2007 in San Francisco vorgestellt hat:

Schon damals betonte Jobs überdeutlich, wie wichtig für Apple der Patenschutz des iPhone ist:

“And, boy, have we patented it.” Details zu diesem Patent stehen hier.

Eine viel ältere Äußerung von Steve Jobs zum Thema Urheberrecht und Inspiration erfreut sich in diesem Zusammenhang plötzlich auch großer Popularität: In dem Interview aus dem PBS-Film “Triumph of the Nerds” mit Steve Jobs geht es um die Entwicklung der grafischen Benutzeroberfläche für den Computer und den Besuch einer Apple-Delegation im legendären Forschungszentrum Xerox PARC. Während die Xerox-Bosse im fernen New York die Entwicklungen in ihrem kalifornischen Labor ignorierten, saugten Jobs und seine Leute alle Ideen begierig auf. Wer sich für Details interessiert, kann die komplette Geschichte hier nachlesen.

Ultimately it comes down to taste. It comes down to trying to expose yourself to the best things that humans have done and then try to bring those things in to what you’re doing. I mean Picasso had a saying he said good artists copy great artists steal. And we have always been shameless about stealing great ideas ehm and I think part of what made the Macintosh great was that the people working on it were musicians and poets and artists and zoologists and historians who also happened to be the best computer scientists in the world.

Meine Analyse zum Apple-Klage gegen HTC kann man u.a. hier lesen:
Patentstreit mit Handyhersteller – Apple-Klage zielt auf Google – Computer – sueddeutsche.de

CeBIT vor zehn Jahren: Der iPad-Vorläufer und die Fernbedienung für die Waschmaschine

Am kommenden Montag geht es wieder nach Hannover zur CeBIT. Und wie in den vergangenen Jahren habe ich in unser dpa-Archiv geschaut, welche Highlights und Skurrilitäten die CeBIT 2000 geboten hat.

CeBIT vor zehn Jahren: Der iPad-Vorläufer und die Fernbedienung für die Waschmaschine

Mit dem Bildschirm-Computer «iPad» will der kalifornische Elektronikkonzern Apple in den kommenden Monaten eine ganz neue Gerätekategorie am Markt durchsetzen. Doch die Idee eines «Tablet Computers» ohne eine Hardware-Tastatur ist nicht wirklich neu: Vor zehn Jahren auf der Computermesse CeBIT 2000 präsentierte das Hannoveraner Unternehmen Höft & Wessel ein «Webpanel», das dem Konzept des iPad sehr nahe kam. Mit dem «skeye.pad» sollten man über eine Mobilfunkverbindung oder den Funkstandard DECT drahtlos im Internet surfen können.

skeye.pad
Das skeye.pad von Höft & Wessel auf der CeBIT 2000

Das «Webpanel» aus Hannover erhielt zwar damals den einen Best-of-CeBIT-Preis der Fachzeitschrift «Chip». In Serie für den Massenmarkt wurde das Gerät allerdings nie gebaut. Die Entwickler bei Höft & Wessel bauten aus dem Prototypen später verschiedene robuste mobile Spezialgeräte, die heute etwa bei den «Gelben Engeln» des ADAC im Einsatz sind oder Speditionen bei der logistischen Steuerung ihrer Lastwagen helfen. Auch die Bildschirme der Fahrkartenautomaten der Deutschen Bahn gehen letztlich auf die «Webpanel»-Entwicklung in Hannover zurück.

Wegen der damals bevorstehenden Weltausstellung Expo 2000 fand die CeBIT vor zehn Jahren nicht zum traditionellen März-Termin statt, sondern schon im Februar. Die Branche hatte gerade erfolgreich das Jahr-2000-Problem gemeistert und platzte fast vor Zuversicht. Das befürchtete Chaos zum kritischen Datumswechsel war ausgeblieben. Industrie und Handel blickten voller Optimismus nach vorne. Dies schlug sich dann auch in der Messebilanz nieder: Mehr als 750 000 Besucher kamen trotz des miesen Wetters zur CeBIT 2000. Viele der 7 800 Aussteller reisten damals mit vollen Auftragsbüchern und besten Umsatzprognosen aus Hannover ab.

Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) versprach zur Eröffnung der High-Tech-Schau, nach dem Vorbild der USA eine Art «Green Card» einzuführen. Damit sollten Programmierer, Datenbankspezialisten und andere Computer-Experten aus Staaten außerhalb der Europäischen Union eine befristete Arbeitserlaubnis in Deutschland bekommen. Über das «Sofortprogramm zur Deckung des IT-Fachkräftebedarfs» kamen die folgenden Jahre 20 000 IT-Fachleute nach Deutschland. Die Regelung lief Ende 2004 aus und wurde durch ein neues Zuwanderungsgesetz ersetzt, mit dem weiterhin IT-Spezialisten bei dem Aufenthaltsrecht gegenüber anderen Arbeitsmigranten aus dem außereuropäischen Ausland bevorzugt werden.

Bundeskanzler Schröder auf der CeBIT 2000
Bundeskanzler Gerhard Schröder bei seinem Eröffnungsrundgang auf der Computermesse CeBIT mit einem Uhrenhandy von Motorola

Schröder hatte damals die wirtschaftliche Bedeutung des Fachkräftemangels erkannt. Im Gegensatz zu seiner Nachfolgerin im Bundeskanzleramt hatte Schröder privat so seine Mühen mit der Kommunikationstechnologie. Auf der CeBIT 2000 ließ sich der Kanzler vom damaligen AOL-Europachef Andreas Schmidt zeigen, wie man mit dem Handy eine Kurznachricht verschickt. «Der Kanzler ist hier! Er bekommt gerade SMS erklärt, aber das kennt der doch sowieso nicht», sagte ein Beobachter der Szene damals.

Der Onlinedienst AOL lieferte sich auf der CeBIT 2000 mit der Deutschen Telekom ein Wettrennen, die deutschen Schulen ins Internet zu bringen. Zehn Jahre später hat sich AOL nach einer Serie von Misserfolgen vom deutschen Markt zurückgezogen.

Damals sah aber auch für AOL die Zukunft noch rosig aus. Ein Jahr vor dem Platzen der großen Internet-Blase wurden auf der CeBIT 2000 noch Technologien als visionär angepriesen, die heute eher belächelt werden. So konnte man in den Messehallen einen «Computer zum Anziehen» bestaunen, bei dem Kleinst-Rechner und Batterien kaum sichtbar in den Taschen einer dicken, silbern schimmernden Weste steckten. Dieses Gerät sollte als mobiler Übersetzer für Stadtführungen eingesetzt werden.

Seltsame Fantasien regte auch die Funktechnologie Bluetooth an, die heute vor allem für drahtlose Kopfhörer genutzt wird. Jörg Gleisner vom Telekommunikations-Unternehmen Ericsson pries damals die Vorzüge der Datenfunktechnik so an: «Sie können mit dem Handy aus der Küche die Lautstärke beim Fernseher regulieren oder vom Arbeitszimmer die Waschmaschine einschalten.» Das Mobiltelefon als Fernsteuerung für die Feinwäsche hat sich dann aber auf dem Markt nicht wirklich durchgesetzt.

Alle Jahre wieder – Die endlose Geschichte der Gerüchte um ein Tablet-PC von Apple

In drei Tagen beginnt die Consumer Electronics Show in Las Vegas, die wichtigste Messe für Unterhaltsungselektronik und Personal Technology in den USA. Doch wie fast jedes Jahr stiehlt Apple den Veranstaltern der CES die Schau. Apple-Chef Steve Jobs tritt zwar nicht parallel zu der High-Tech-Show auf der MacWorld Expo in San Francisco auf. Von dieser Mac-Messe hat sich Apple im vergangenen Jahr verabschiedet. Doch die Gerüchte um ein Tablet-PC sind inzwischen omnipräsent. Nicht nur einschlägige Gerüchte-Sites wollen wissen, dass diesmal die Vorstellung eines Tablet von Apple unmittelbar bevorsteht. Auch seriöse Zeitungen wie die New York Times beteiligen sich an den Spekulationen, die John Gruber in Daring Fireball schön zusammengefasst hat. Danach gibt es wirklich ein Tablet-Projekt und alle möglichen Beteiligten bei Apple sind von der Oberfläche verschwunden. Diese Umstände erinnern an die Entwicklung des iPhone, die damals in einem Supergeheimprojekt organisiert wurde, so dass auch innerhalb von Apple die meisten Mitarbeiter vor der Präsentation des iPhone keinen blassen Schimmer hatten, wie das Apple-Smartphone aussehen wird (siehe auch Projekt Purple 2 – Wie Apple das iPhone als Geheimprojekt entwickelte).

Am 26. Januar 2010 will angeblich Apple den Schleier lüften. Was an diesem Tag aber präsentiert wird, weiß außerhalb des engsten Führungskreises in Cupertino niemand. Wenn in den kommenden Tagen irgendwelche Schlaumeier uns erzählen wollen, wie das Apple-Tablet genau aussehen wird, lohnt zu Einschätzung der “Scoops” ein Blick zurück. Denn seit über acht jahren tauchen immer wieder Meldungen auf, dass die Präsentation eines Mac-Tablets unmittelbar bevorsteht:

“And just to keep true to those old ‘Apple-developing-a-PDA’ and ‘Apple developing a Mac tablet’ rumours, the iWalk contains full PDA functionality.”

Apple’s ‘breakthrough’ – iPod or iWalk?
The Register, 23. Oktober 2001

Der inzwischen ausführlich diskutierte Markenname iSlate tauchte bereits 2002 auf:

“May we speculate that the big item due to set the Macintosh welkin ringing … next month just might be an Apple tablet computer. Think of a name: iSlate, iNote, iPad (maybe too close to iPod).”

Garry Barker, Livewire, 4. Dezember 2002

Nachdem die MacWorld-Expo 2003 in San Francisco ohne eine Tablet-Premiere verstrich, rissen die Gerüchte aber nicht ab. MacWhispers kannte sogar die Fabriken, in denen die Gehäuse für ein Mac-Tablet gebaut werden:

Mobile Mac slate device to launch?

“All we know about this piece of plastic is that:
1) it is vouched for by a “previously good source” who has contacts in the factory where it’s being made
2) it is almost an inch thick, at 24.6mm; and its other dimensions are 188mm by 132mm
3) the factory where it is being assembled is supposedly under contract to Apple.”

MacWhispers, 29. März 2003

Ende 2003 sagte Robert Cringely, damals noch bei NPR, voraus, dass Apple im kommenden Jahr ein Tablet-PC mit Intel-Chips auf den Markt bringen wird. Apple stellte zwar seine Macs von PowerPC-Chips auf Intel-Prozessoren um, ein Tablet wurde aber nicht gesehen.

“A year from now, I am sure these technical problems will be solved, but by then Motorola will have been shipping DS-CDMA products for 12 months. And some of those products will be going in that Apple tablet computer. Watch TV in your bathroom, access your audio and video collection from anywhere in the house, control your big screen TV and route video to it from your desktop or the Internet. ”

Apple’s Tablet Computer Might Finally Be That Link Between Your PC and TV
– Robert Cringely, 27. November 2003

Also kein Tablet-Debüt im Jahr 2004. Aber im Jahr 2005 sollte es doch endlich so weit sein. Und MacDaily wusste auch, welches Betriebssystem das Tablet haben wird:

“Speculation over what Jobs might reveal this year are all over the map … (including) an Intel-powered Mac Tablet running Mac OS X or a “Mac OS X Lite.””

MacDailyNews, 27. Mai 2005

Uups. Schon wieder kein Mac-Tablet. Wie gut, dass ein Jahr später zwei Firmen in Taiwan entdeckt wurden, die schon die Kosten für die Massenproduktion des “vollständig funktionierenden Prototypen” kalkulieren. Angepeilter Marktstart: 2007.

“Apple researchers have built a full working prototype of a Mac tablet PC and three Companies in Taiwan are now costing a product for a potential launch in mid 2007…”

Smarthouse, via MacDailyNews, 26. November 2006

Das Jahr 2007 ist inzwischen längst Geschichte. Und in den Annalen steht immer noch kein Mac-Tablett. Schade. Aber nur nicht ungeduldig werden. Der 26. Januar 2010 kommt bestimmt. Und das Web weiß auch schon, wie das neue Superteil aussieht:

louisgray.com: We Apple Fans Are In Mac Tablet Rumors Reruns

"Information at Your Fingertips (2005)" – Zurück in die Zukunft: Die Vision von Bill Gates aus dem Jahr 1994

Machmal lohnt ein Blick zurück. Im November 1994 stellte Microsoft-Mitbegründer Bill Gates seine Vision von der Zukunft vor. “Information at Your Fingertips 2005″ lautete der Titel seiner Keynote auf der inzwischen längst eingegangenen Computermesse Comdex in Las Vegas. Der damals 39 Jahre alte Gates war noch nie ein begnadeter Redner, der seine Zuhörer allein durch seine Rhetorik begeistern konnte. Daher ließ Gates einen aufwendigen Film produzieren, der nicht nur bei den Besuchern der Comdex-Keynote einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen sollte:

“Der Film war damals so spektakulär, dass alle nur mit offenen Mund da saßen. Vieles ist davon jetzt Realität, einiges hat sich anders entwickelt. Der Film zeigt eine Zukunft im Jahr 2005 (von 1995 aus gesehen)”, erinnert sich beispielsweise Andreas J. Greiner, der (wie ich persönlich auch) das Video drei Monate später bei Gates’ Auftritt zur Eröffnung der CeBIT 1995 in Hannover gesehen hatte.

Comdex 1994 – Keynote Bill Gates – Information At Your Fingertips (2005) – The Video from Christoph Dernbach on Vimeo.

In dem aufwändig produzierten Film zeigte Gates damals einen kurzen Krimi um einen Kunstschmuggel und seine rasante Aufklärung mit den wunderbaren Hilfsmitteln futuristischer Kommunikationsmittel. Die Gegenspieler der Schmugglerbande, der clevere Schüler Jackson und seine Mutter, recherchierten in dem Film von der Küche aus im “Cyberspace” alle Details zur präkolumbianischen Kunst und landeten schließlich in einer Galerie mit virtuellen Picasso-Bildern auf hoch auflösenden Flachbildschirmen. Nachdem Jackson bei einer Verfolgungsjagd von einem Auto angefahren wurde, konnte die Besatzung eines Krankenwagens in dem Microsoft-Film noch während der Fahrt über eine Videoverbindung mit der Klinik kommunizieren und die optimale Behandlung für den Jungen diagnostizieren. Die Polizisten im Einsatzwagen verschafften sich schon unterwegs einen Überblick vom Tatort und steuerten den Einsatzcomputer mit Sprachbefehlen. “Sie werden sehen, in zehn Jahren wird sich diese Technik natürlich in unser Leben einfügen”, versprach Gates seinen Zuhörern.

Ich habe lange nach einer Kopie dieses Videos im Netz gesucht und bin zunächst nur bei dieser Website der Technischen Universität in Delft (Niederlande) fündig geworden, wo die Aufzeichnung in vergleichsweise schlechter Auflösung im WMV-Format zu sehen ist. Nach einer längeren Recherche stieß ich dann auch einen Blog-Eintrag von Derek R. Flickinger zum Rückzug von Bill Gates aus der Microsoft-Führung. In dem Artikel erwähnte Derek, dass er 1994 den Auftritt von Gates live gesehen habe und seitdem ein Video dieses Auftritts besitze. Im Jahr 2005 habe er Bill Gates persönlich getroffen und ihm dann eine DVD von der Comdex-Keynote geschenkt. Der Kontakt zu Derek war schnell geknüpft und über einen FTP-Server landete schließlich ein 1,4 Gigabyte großes Windows Media Video File auf meinem Rechner. Nochmals, herzlichen Dank dafür.

Die komplette Keynote ist über eine Stunde lang. Da nicht alle Betrachter so viel Zeit haben (obwohl sich das heute noch lohnt), habe ich den eigentlichen Film rund um den cleveren Schüler Jackson so zusammengeschnitten, so dass man ihn jetzt an einem Stück sehen kann. In der Comdex-Keynote war dieser Film immer wieder von Gates unterbrochen worden, um dem Publikum die eingesetzten Technologien zu erläutern.

Die komplette Keynote findet man hier:


Bill Gates at Comdex/Fall (November 14th, 1994) in Las Vegas
“Information at Your Fingertips (2005)”

Viele der Visionen von Bill Gates aus dem Jahr 1994 sind heute tatsächlich Wirklichkeit geworden: der Mini-PC in der Jackentasche, das individuell programmierbare Fernsehen, der einfache Zugriff auf einen unendlichen Wissensschatz in den Datennetzen. Und irgendwie sieht Jacksons Computer in der Küche aus wie der Schreibtischlampen-iMac (iMac G4), den Apple gute sieben Jahre später auf den Markt brachte.

Manche Vorstellungen des Visionärs Bill Gates von damals erwiesen sich aber als Flop. Der Microsoft-Gründer glaubte auf der CeBIT 1995 beispielsweise noch, mit einem eigenen Microsoft Network dem Internet Paroli bieten zu können. Erst einige Monate später erkannte Gates seinen fatalen Irrtum und befahl seinen Programmierern die Wende. Das in dem Film an mehreren Stellen thematisierte digitale Portemonnaie ist auch im Jahr 2009 immer noch Zukunftsmusik. Und opulente Lehrfilme – wie der Multimedia-Vortrag von Jackson vor seiner Klasse – lassen sich auch heute noch nicht in wenigen Minuten zusammenstellen.

Information at Your Fingertips (Comdex 1990)

Bill Gates: Die erste “Information at Your Fingertips” Keynote – Comdex/Herbst 1990

Link: 20 Years ago: Bill Gates: 1st "Information at Your Fingertips" Keynote - Comdex/Fall 1990

Interessant ist ein Vergleich mit einer anderen Vision, die ebenfalls in einem Video visualisiert wurde. 1987 beschrieb der damalige Apple-CEO John Sculley in seinem Buch “Odyssey” den Knowledge Navigator. Diese fiktive Maschine repräsentierte Sculleys Vision eines persönlichen Computers für das 21. Jahrhundert.