WiMAX – Funken auf der letzten Meile

Von | Future Tech, Personal Tech

WiMAX, eine Art Super-Wi-Fi, könnte nicht nur das Geschäft mit UMTS bedrohen, sondern auch beim Breitbandanschluss ins Internet eine Alternative zu den Festnetzen bieten.

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WiMAX steht für Worldwide Interoperability for Microwave Access und stellt eine Weiterentwicklung der lokalen Funknetze (WLAN) dar – mit wesentlich höheren Datenübertragungsraten und deutlich größeren Reichweiten. Die neue Funktechnik wurde wie die WLAN-Standards 802.11x („Wi-Fi“) vom Institute of Electrical and Electronics Engineers IEEE (sprich: Eye-tripple E) unter dem Namen 802.16 in die Welt gesetzt. 

Die Inhaber der UMTS-Lizenzen in Deutschland sind schon zu bedauern. Zuerst mussten sie 50 Milliarden Euro an den Bund überweisen, um bei der dritten Generation des Mobilfunks mit dabei sein zu dürfen. Dann wurden weitere zweistellige Milliardenbeträge fällig, um den Aufbau des Netzes zu finanzieren – obwohl nach dem Platzen der Internet-Blase die gesamte Branche daran zweifelte, dass die eingesetzten Summen jemals wieder erwirtschaftet werden können.

Gleichzeitig mussten die gebeutelten Telkos mit ansehen, wie an Bahnhöfen, Flughäfen, Hotels und Restaurants „Hotspots“ für den schnellen Netzzugang via Wi-Fi wie Pilze aus dem Boden gesprossen sind und weiter sprießen. Und im Gegensatz zu den UMTS-Betreibern mussten die Inhaber der Wi-Fi-Zugänge keinen Cent Lizenzgebühr bezahlen.

Doch aus der Not haben UMTS-geschädigten Telkos eine Tugend gemacht und sich selbst ins Wi-Fi-Geschäft gestürzt. In den weltweit 55 Lounges der Lufthansa in 30 Zielorten kann der Fluggast beispielsweise mit Vodafone D2 drahtlos surfen und E-Mails abrufen. Dafür verlangt D2 Preise mit UMTS-Niveau: Unabhängig von der übermittelten Datenmenge kostet eine 30-Minuten-Session beispielsweise 3,95 Euro. Für zwei Stunden werden 9,95 Euro fällig. Im Ausland kostet die Nutzung jeweils 5,95 Euro für 30 Minuten sowie 12,95 Euro für zwei Stunden.

Doch nicht nur am Boden bietet die Lufthansa eine Wi-Fi-Verbindung an. Über den Wolken wird man künftig auf bestimmten Lufthansa-Langstrecken via Wi-Fi ins Internet gelangen. Die Kranich-Airline stellt zur Zeit seine großen Jets für den Netzzugang um und setzt dabei auf Technologie von Connexion by Boeing. Die Internetverbindung kostet pauschal 29,95 Dollar für eine Transatlantik-Flugstrecke . Wer nur kurz eine wichtige E-Mail checken möchte, kann sich auch für 9,95 Dollar ein kleines Paket für eine halbe Stunde kaufen.

Auch die Telekom-Tochter T-Mobile stieg im Frühjahr 2004 umfangreich ins Wi-Fi-Geschäft ein und stattete etwa Hotelketten wie Maritim und Ramada oder Starbucks-Cafes mit Wireless LAN zu ähnlichen Preisen wie Vodafone aus.

Doch kaum haben sich die UMTS-Lizenzinhaber auf ein halbwegs friedliches Nebeneinander von WLAN und der dritten Mobilfunk-Generation (3G) eingestellt, bringt schon wieder eine neue Datenfunktechnik alle Planungen durcheinander. Die Rede ist von WiMAX.

WiMAX war als Entwurf für ein so genanntes Wireless Metropolitan Area Network (WMAN) gedacht, mit dem ganze Wohnblocks drahtlos mit einem Netzwerk versorgt werden können. Im April 2003 wurde im Standard IEEE 802.16a festgelegt, dass WiMAX eine Entfernung von 50 bis 80 Kilometer überwinden soll. Als Frequenzbereiche wurden das lizenzfreie Spektrum im Bereich 2,4 Gigahertz und 5,725 bis 5,825 GHz sowie das lizenzpflichtige Spektrum 2,5 – 2,7 GHz (USA) sowie 3,5 Ghz und 10,5 GHz (international) ausgewählt.

WiMAX (802.16) war anfänglich für die Kommunikation zwischen Netzwerkknoten entworfen worden, also als eine Backbone-Technologie. Mit Blick auf die Vernetzung von vielen Endkunden musste diese Architektur ergänzt werden. In der Norm-Erweiterung 802.16e wurde WiMAX für die Kommunikation mit einzelnen Computern optimiert. Außerdem wurde mit 802.16e ein Protokoll für die Unterstützung von Quality-of-Service-Features eingeführt, damit über das Netz beispielsweise auch Telefongespräche in guter Qualität geführt werden können.

Die Normierungsarbeit der internationalen Ingenieursvereinigung IEEE allein hätte vor wenigen Jahren noch wenig Resonanz ausgelöst. Das hat sich inzwischen aber geändert. Und indirekt hat Apple dazu beigetragen. Die Hardware-Designer und Betriebssystem-Programmierer in Cupertino erkannten lange vor der versammelten “Wintel“-Konkurrenz, welches gewaltige Potenzial in der IEEE-Norm 802.11b steckte und vermarkteten ein Wireless LAN System unter dem Namen Airport.

Der Erfolg von Apple brachte Intel auf den Geschmack. Der weltweit führende Chiphersteller produzierte nicht nur im großen Stil WLAN-Komponenten, sondern steckte schätzungsweise 300 Millionen Dollar in die Werbung für sein Centrino-Design, bei dem Wireless LAN eine wichtige Rolle spielt.

Seit dem Erfolg der Wi-Fi-Standards 802.11x werden die IEEE-Normen als eine Art Blaupause für das nächste große Business angesehen. Intel fördert massiv die aktuelle Arbeit der IEEE an den WiMAX-Normen und positioniert sich dabei als machtvoller Pate der neuen Funktechnologie: “WiMAX-zertifizierte Systeme werden die Bausteine darstellen, mit denen die nächsten fünf Milliarden Nutzer mit dem Internet verbunden und wirklich in die drahtlose Breitband-Revolution eingeführt werden”, tönte Intel-Manager Sean Maloney auf einem Branchentreffen in den USA.

Auf dem Mobilfunk-Kongress 3GSM World 2004 in Cannes sagte Paul Otellini, Intel President und Geschäftsführer (COO), einen “Wendepunkt” für WiMAX in den Jahren 2006-2008 voraus. Was mit Wi-Fi in den vergangenen Jahre passiert sei, werde auch mit WiMAX geschehen. Notebooks mit Intel-Technologie sollen nach Otellinis Worten vom Jahr 2006 an mit WiMAX-Funktionalität ausgestattet sein, Kopfhörer ein Jahr später.

“Intel entwickelt standardisierte High-Performance-Halbleiter, um die verschiedenen drahtlosen Breitband-Technologien zu adressieren. Außerdem arbeiten wir an einer ganzen Reihe von Produkten für modulare Kommunikationsnetzwerke, die für den Ausbau dieser Netze unverzichtbar sind”, sagte Otellini.

Neben Intel setzen sich auch die Telekom-Schwergewichte Nokia, Siemens Mobile, British Telecom und AT&T für WiMAX ein. Über 200 Technologieunternehmen gehören inzwischen dem WiMAX-Forum (http://www.wimaxforum.org/) an.

Eine WiMAX-Funkzelle kann bis zu 70 Megabit pro Sekunde übertragen. Das ist 50 Mal schneller als die Festnetztechnik DSL. Und im Vergleich zu UMTS liegt WiMAX sogar um den Faktor 200 vorne. Doch ähnlich wie bei UMTS müssen sich in einem WiMAX-Netz alle Teilnehmer in einer Funkzelle diese Bandbreite teilen. Dennoch werden über den Datenfunk höhere Geschwindigkeiten erreicht als sie derzeit bei einem herkömmlichen DSL-Anschluss im Festnetz angeboten werden. Selbst wenn sich viele Teilnehmer eine WiMAX-Funkzelle teilen, können die Nutzer mit Bandbreiten zwischen zwei und fünf Megabit pro Sekunde rechnen.

WiMAX eignet sich insbesondere zur Anbindung von Wi-Fi-Hotspots oder kleineren verkabelten Netzen (LANs), die sonst aufwändig mit DSL oder Standleitungen erfolgen müsste.

In den ersten Szenarien wurde der Einsatz von WiMAX darauf beschränkt, Breitband-Internetzugänge in dünn besiedelte Gebiete zu bringen, in denen es zu kostspielig wäre, Kabel zu verlegen. Doch inzwischen hat die WiMAX-Branche auch die dicht besiedelten Regionen im Visier. Damit wird der neue Funkstandard aber insbesondere in Konkurrenz zu Festnetz-Anschlüsses wie DSL oder Kabel-Modem-Verbindungen gebracht.

Daher sollten sich nicht nur die Mobilfunkprovider, sondern auch die Festnetzbetreiber warm anziehen. Denn mit der vergleichsweise billigen Funktechnik WiMAX können die faktisch immer noch vorhandenen Monopole bei den Ortsnetzanschlüssen der europäischen Ex-Monopolisten umgangenen werden. “Die neuen Stadtnetze werden zunächst eine Konkurrenz für DSL-Anschlüsse an das Internet, langfristig aber auch für UMTS”, sagte Herbert Weber, Technischer Direktor bei Intel in Europa. Dabei gehe es nicht nur um Datenübertragungen, sondern auch um Internet-Telefonie.

In Deutschland haben schon einige kleinere Telekom-Konkurrenten versucht, drahtlos die “letzte Meile” zu überwinden. Sie setzten beispielsweise auf die Richtfunktechnik WLL (Wireless Local Loop), doch viele von ihnen mussten nach einem bürokratischen Zwist mit der Regulierungsbehörde und Finanzierungsproblemen für die erheblichen Investitionen vorzeitig aufgeben. Mit dem Investment von Intel, Nokia und den anderen WiMAX-Befürwortern dürften diesmal den alternativen Anbietern nicht so schnell die Luft ausgehen.

Für die Mobilfunkbetreiber schlummert im Schoß der IEEE ein weiterer Sprengsatz, der allerdings im Gegensatz zu WiMAX keine breite Unterstützung aus der Industrie erfährt: Mobile-Fi (IEEE 802.20). Diese Norm, die im IEEE sehr kontrovers diskutiert wird, ist ein direkter Gegenentwurf zu UMTS und soll eine native Unterstützung des Internet-Protokols IP für einen breitbandigen mobilen Netzzugang bieten. Im Vergleich zu WiMAX kommt Mobile-Fi mit geringeren Sendeleistungen aus und bietet eine äußerst geringe Latenz. Die Chancen, das Mobile-Fi kurzfristig die Mobilfunkbranche aufwirbeln wird, stehen aber schlecht, denn das vorgesehene Frequenzspektrum unterhalb von 3,5 Gigahertz ist wie UMTS lizenzpflichtig. Und welche Lizenzpreise dann fällig werden können, wissen wir ja schon.

Christoph Dernbach

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