Tellermine und Albtraum – Wenn die Süddeutsche voreilig Googles Einstieg in den Browsermarkt kommentiert

Ich bin ein Fan und zahlender Abonnent der „Süddeutschen Zeitung“. Und ich schätze auch die Technologie-Berichterstattung der SZ, wenn sie von kundigen Kollegen wie Thorsten Riedl kommt. Aber manchmal ist es schon zum Haareraufen. Zum Beispiel heute.

Worum geht es? In der vergangenen Nacht hat der Suchmaschinengigant Google überhastet seinen Einstieg in den Browsermarkt angekündigt und für den Abend (21 Uhr deutscher Zeit) die Freischaltung des Downloads von „Google Chrome“ angekündigt.

Google Chrome Logo
Google Chrome Logo
Um 17.22 Uhr veröffentlichte Sueddeutsche.de unter der Dachzeile „Internet-Dominanz“ einen Kommentar von Christian Krügel „Googlers Albtraum„. Zunächst beschreibt Krügel die zehnjährige Geschichte von Google und die Wandlung des Internet-Startups mit dem Motto „Don’t be evil – sei nicht böse“ hin zum „Superhirn der Menschheit“. „Begriffe, die Google nicht ausspuckt, sind praktisch nicht existent.“ So weit, so gut.

Doch dann wird es richtig krude. Es fängt damit an, dass die SZ zum Bild vom Chrome-Logo diese Bildunterschrift setzt:

Das „Chrome“-Logo erinnert an eine bunte Tellermine – und ein altes Kinderspielzeug.

Sehr unvoreingenommen. Über den Google-Browser schreibt Krügel dann:

Es ist daher nur folgerichtig, dass Google jetzt auch einen eigenen Browser fürs Internet anbietet, ein Einstiegsprogramm also, das bislang immer noch 72 Prozent aller Nutzer vom Großkonzern Microsoft beziehen. Dessen Internet Explorer ärgert viele Anwender seit Jahren, so dass zusätzliche Konkurrenz eigentlich nicht schaden kann. Und schließlich verspricht Google ja auch, dass sein Produkt schneller, sicherer und einfacher sei, dem normalen Anwender besseren Datenschutz und den Experten mehr Möglichkeit zur Weiterentwicklung biete.

Der Jubel der Microsoft-Hasser in den einschlägigen Diskussionsforen des Netzes ist Google deshalb gewiss. Es gibt aber in diesen Foren auch die Warner, die Orwells Vision vom allgegenwärtigen Überwachungsstaat nicht in totalitären Systemen der realen Politik, sondern im Großkonzern Google Wirklichkeit werden sehen. Aus dem Traum von der Internet-Freiheit wird ein Albtraum. Wenn das Internet keine Informationsfreiheit mehr bietet, sondern nur noch den virtuellen Eindruck davon, dann wird aus der Welt eine Scheinwelt.

Der Nutzer bekommt von Google eine Art Generalschlüssel, der ihm vermeintlich bequem das Tor zur weiten bunten Welt des Internets aufsperrt. Tatsächlich bietet sich aber nur der Blick auf die Dinge, die von einer Maschine und deren Suchprofil zugelassen werden. Präsentiert wird nicht die Wirklichkeit, sondern eine manipulierte Wichtigkeit: Bei den Google-Suchtreffern rangiert nicht ganz oben, was objektiv wichtig ist in der Welt, sondern was wichtig gemacht wurde: durch Schlagworte, die Suchmaschinen besonders gut erkennen, durch die Zahl der – oft manipulierten – Aufrufe einer Seite, durch Verlinkungen und Spielereien, die nur Techniker kennen.

Wow! Angesichts der Tatsache, dass man den Google-Browser erst Stunden später zum ersten Mal herunterladen und ausprobieren konnte, ist diese Meinungsstärke doch erstaunlich. Leser des Kommentars müssen nämlich davon ausgehen, dass man sich mit dem Browser von Google auch nur im den Google-Universum bewegen und nur durch das Google-Tor in die weite bunte Welt des Internets gelangen kann.

Suchmaschinen-Einstellungen in Google Chrome
Suchmaschinen-Einstellungen in Google Chrome

Wer sich nur einige Minuten mit Chrome beschäftigt (ich meine, mit der Software selbst und nicht mit den Gerüchten) wird schnell sehen, dass das Gegenteil der Fall ist. Noch nie war es so einfach, einen anderen Suchanbieter als Google für die Standard-Suchfragen zu wählen. Außerdem kann man über die „Omnibox“ genannte Eingabemaske bequem Suchabfrage an beliebige Websites absetzen.

Ich habe nicht dagegen, wenn Produkte und Dienste von Google kritisch gewürdigt werden. Aber „kalt“ so einen Verriss zu schreiben, das hätte ich mich nie getraut.

Screenhot Google Chrome
Screenhot Google Chrome

Google verfolgt nach meiner Einschätzung mit Chrome vor allem das Ziel, das technische Fundament für Web-Applikationen neu aufzubauen, da Microsoft mit dem Internet Explorer und auch die Mozilla Foundation mit dem Firefox-Browser dies nicht bieten können. Davon profitieren Anbieter wie Salesforce.com und natürlich auch Google mit seinen Online-Programmen. Daher handelt Google mit der Veröffentlichung von Chrome sicherlich auch nicht uneigennützig. Mit einer „manipulierten Wirklichkeit“ hat das aber ganz und gar nichts zu tun. Und ausgerechnet auf Sueddeutsche.de, wo Suchmaschinen-Optimierung seit geraumer Zeit erfolgreich praktiziert wird, Klagen über „Verlinkungen und Spielereien, die nur Techniker kennen“ zu lesen, ist schon fast komisch.

Internet-Dominanz – Googlers Albtraum – Computer – sueddeutsche.de

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One comment

  1. Ich bin auch grade auf den Artikel gestoßen und hab den Herrn Krügel direkt mal gegoogelt 😉
    Scheinbar engagiert er keine manipulativen Suchmaschinenoptimierer, so dass die Resultate nicht so gut waren.
    Ich bin ebenfalls der Meinung, dass jeder, der sich auch nur ein wenig mit der gesamten Internet-Thematik auseinandersetzt, eine etwas differenziertere Meinung zu Google haben kann.
    Man gewinnt den Eindruck, da schreibe ein alter Print Hase – aber dieser Stil mag ja durchaus zur Hauptzielgruppe passen.

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