Für immer und ewig – Wie gefährdet sind unsere Daten? (Teil 2)

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Teil 1: Für immer und ewig – Wie gefährdet sind unsere Daten?

DVD-RW, DVD+RW und DVD-RAM sind Scheiben, die tausendfach beschrieben und wieder gelöscht werden können. Die DVD-RAM stecken in einer Cartridge und passen damit nicht in einen üblichen DVD-Player. Sie wurden ursprünglich auch zum Speichern von Computerdaten entwickelt. Der Wettbewerb zwischen DVD-RW und DVD+RW erinnert an den Formatkrieg der frühen Videorekorder-Tage um Beta und VHS. Das Format DVD+RW wurde von verschiedenen PC-Herstellern wie Dell und Hewlett-Packard in den Markt gedrängt, während Hersteller aus der Unterhaltungselektronik wie Panasonic und Hitachi auf DVD-RW setzten. Die “Minus-Fraktion” verlor einen wichtigen Unterstützer, als Compaq Computer von HP übernommen wurde. Sony unterstützte früher nur DVD-R, bietet heute aber Multiformat-Laufwerke an.

Wenn es aber schon so schwierig ist, sich bei den derzeit vorhandenen DVD-Formaten zu orientieren, wie wird es erst in fünf, zehn oder 20 Jahren sein? Können wir sicher sein, dass wir im Jahre 2020 noch an die Inhalte einer DVD oder CD herankommen? Stewart Brand hat da seine Zweifel: “Ein säurefreies Buch hält weitaus länger als eine CD-ROM. Nach rund 15 Jahren ist der CD-Standard veraltet und es ist zweifelhaft, ob man die CD noch lesen kann. Das Buch können sie in 100 Jahren noch öffnen, die CD-ROM nicht.”

Doch selbst wenn Computer oder Videoplayer der Zukunft noch ein Laufwerk zum Lesen einer DVD haben werden, heißt das noch lange nicht, dass diese Geräte mit den Inhalten auf der Silberscheibe etwas anfangen können. “Natürlich bleiben die kopierten Bits gleich, aber wir werden nicht unbedingt wissen, was sie bedeuten. Genauso wie bei den Hieroglyphen, die immer wieder abgeschrieben wurden, aber niemand wusste, was sie bedeuteten”, schreibt Jeff Rothenberg. “Es ist also durchaus wahrscheinlich, dass wir die Einsen und Nullen über einen sehr langen Zeitraum durch ständiges Kopieren erhalten können, aber wir wissen dann wahrscheinlich nicht mehr, was sie bedeuten.”

Die US-Armee hat eine Zeit lang jedes jemals angeschaffte Computermodell in einer Lagerhalle gesammelt, um Daten später immer wieder auslesen zu können. Die Militärs scheiterten allerdings an der Aufgabe, jedes historische Rechnermodell lauffähig zu halten. Ähnlich erging es großen staatlichen und privaten Archiven. Eine effektivere Methode gegen den Verlust historischer Daten ist die Emulation. Dabei wird auf dem neuen Rechner der alte virtuell nachgebaut. Vor allem Spielefans, die den alten Games eines Commodore C64 oder Amiga oder eines Atari ST hinterher trauerten, haben die Emulationstechnik populär gemacht.

Geht es nicht um Programme, die auf eine bestimmte Hardware oder Betriebssystem-Umgebung angewiesen sind, sondern um Dokumente, werden Datenbestände auch migriert. Bei der Migration werden Daten von einer bestehenden Form in eine neuere Form konvertiert. Jeff Rothenberg: “Jeder der einen Computer seit längerem benutzt, weiß, dass wenn eine Fassung von z.B. Microsoft Word veraltet ist, man alles in die neue Form konvertieren muss. Die Migration wird in der Computerwissenschaft seit 30 Jahren verwendet, verlangt aber immer einen großen Aufwand.”

Wir werden uns also intensiv mit der Sicherung und Konvertierung unserer Daten beschäftigen müssen, wenn wir unser Wissen und unsere Erinnerungen für die kommenden Generationen bewahren wollen. Computerphilosoph Stewart Brand, der in Kalifornien als Begründer des Online-Forums “The Well” und Gründungsmitglied der Electronic Frontier Foundation eine Legende ist, kann sich vor diesem Hintergrund auch vorstellen, dass sich die Computeranwender den ständigen Innovationen verweigern werden: “Es wird vielleicht soweit kommen, dass die Leute sagen: ‘Es reicht. So möchten wir nicht mehr leben. Ich möchte meinen Computer nicht häufiger als alle fünf Jahre wechseln. Ich möchte nicht dauernd ein neues Betriebssystem. Es ist ein zu großer Aufwand, ich bleibe bei dem alten System, egal wie schlecht es ist. Ich arbeite mit Microsoft die nächsten tausend Jahre.’ Viele Menschen deprimiert das alles, sie sagen: ‘Nein, so ist jetzt der Standard, lasst uns hier stoppen.’ Andere sagen: ‘Das wollen wir auch nicht’. Die Diskussion geht weiter.”

Long Now Uhr

Long Now Uhr

Zusammen mit einigen Prominenten wie dem Musiker Brian Eno, Kultautorin Esther Dyson, Kevin Kelly (Ex-Chefredakteur von “Wired“) und Disney-Forschungschef Danny Hillis rief Stewart Brand die Stiftung “Long Now Foundation” ins Leben. Die Gruppe will auf das drohende Szenario eines gewaltigen Datenverlusts in absehbarer Zukunft aufmerksam machen und für eine neue Langsamkeit werben. Als symbolkräftiges Projekt hat sich die Gruppen den Bau einer überdimensionalen mechanischen Uhr vorgenommen, die 10 000 Jahre lang die Zeit korrekt anzeigen soll.

Von dieser Jahrtausenduhr existiert bislang nur ein Prototyp, fast drei Meter hoch, aufgebaut in den Räumen der Stiftung in San Francisco. Das komplexe Werk tickt nur einmal pro Jahr, nur alle hundert Jahre bewegt sich der Zeiger um eine Position weiter.

Im Great Basin National Park im US-Bundesstaat Nevada will die “Long Now Foundation” in einer stillgelegten Silbermine eine Wissensbibliothek anlegen, die ebenfalls für die kommenden 10 000 Jahre konzipiert wurde. Die monumentale Uhr soll dafür sorgen, dass sich jemand um die bedeutungsvolle Stätte kümmert. Auf hochpolierte Nickelscheiben sollen die Inhalte, („Das Wissen der Menschheit“) gespeichert werden, völlig analog, in für alle lesbare Buchstaben.

Rosetta Disc

Rosetta Disc

Die große Schrift am Rand der Scheibe wird immer kleiner und legt dem Betrachter nahe, ein Vergrößerungsglas oder Mikroskop zu verwenden, um den großen Rest lesen zu können. Der eigentliche Inhalt befindet sich in winzig kleinen Buchstaben in der Mitte de Scheibe, auf die insgesamt rund 30 000 Schreibmaschinen-Seiten passen. Zum Beschreiben der Disc wird die Nickeloberfläche mit Gallium-Ionen beschossen, die durch ein Magnetfeld gesteuert werden und ein unzerstörbares scharfes Schriftbild erzeugen.

Jim Mason, der Entwickler dieser “Rosetta Disc” orientierte sich bei seiner Arbeit an dem altägyptischen “Rosettta Stone”. Diese schwarze Basaltplatte mit einer geheimnisvollen Inschrift wurde 1799 in der Nähe der Stadt Rosette in Unterägypten gefunden. Heute befindet sie sich im British Museum in London. Mit ihrer Hilfe gelang erstmals, den Schlüssel zur Übersetzung ägyptischer Hieroglyphen zu finden und eine Sprachlücke von über 2000 Jahren zu überbrücken. Die Inschrift geht auf das Jahr 196 v. Chr. zurück und beinhaltet ein Dekret der Priester von Memphis zu Ehren des ägyptischen Königs Ptolemäus V. Da die Inschrift nicht nur in Hieroglyphen und demotischen Schriftzeichen, sondern auch noch mit einer griechischen Übersetzung versehen war, konnten Gelehrte die Hieroglyphen entschlüsseln.

Das Prinzip der Rosetta Disc

Das Prinzip der Rosetta Disc

Jim Mason hat seine moderne Rosetta Disc mit einem zentralen Übersetzungsfeld ausgestattet, in dem das erste Kapitel des Alten Testaments in sieben Sprachen übersetzt steht. Damit wollte er sicher stellen, dass der Text – ähnlich wie beim Rosetta Stone – auch in mehreren tausend Jahren entschlüsselt werden kann. “Wenn es um langfristige Speicherung einfacher analoger Textdaten geht, ist die Rosetta Disc unschlagbar.” Mason sieht aber auch einen Nachteil seines Systems: “Analoge Speichersysteme sind von Natur aus statisch. Papier ist statisch, Stein noch viel mehr. Wenn man an lange Haltbarkeit denkt, muss man gewisse Dinge wie Flexibilität opfern, denn man kann die Daten dann nicht mehr bearbeiten” Die Rosetta Disc werde nie eine Datei auf einem Magnetband ersetzen können.

Christoph Dernbach

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