Absurdistan: Das ARD-Magazin Monitor und der neue Personalausweis

Von | Medien

Die Bundesverwaltung und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik haben sich bei der Einführung des neuen Personalausweises nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Zumindest wies die Online-Software zum neuen „ePerso“ (AusweisApp) eine gravierende Sicherheitslücke auf. Und ein Student aus Darmstadt benötigte nur wenige Stunden, um diese Lücke zu entdecken.

Nun berichtet das ARD-Magazin Monitor über einen neuen Skandal: „Absurdistan: Wie der neue Personalausweis Menschen umtauft“ lautet die Schlagzeile.

Monitor-Moderatorin Sonia Seymour Mikich kündigte den TV-Beitrag mit diesen Worten an:

Willkommen, wir haben für Sie einiges ausgebuddelt, das Sie noch nicht kennen. Vielleicht mussten Sie auch schon so einen neuen Personalausweis bestellen, angeblich fälschungs- und missbrauchssicher. Den haben Datenschützer und Nutzer schon heftig moniert wegen zahlreicher Sicherheitslücken. Und jetzt ganz übel – Der neue Ausweis hat auch noch eine weitere Macke, eine Software-Macke. Und sie sorgt dafür, dass manch einer – tja – umgetauft wird.

Menschen mit mehreren Vornamen stellten „dieser Tage überrascht“ fest, dass sie etwas anders heißen. Der Grund: Die neue Software der Bundesdruckerei berücksichtige keine Rufnamen mehr und weise von Amts wegen den Menschen ihren ersten Vornamen zu. Unbürokratische Hilfe sei nicht in Sicht. Denn wenn die Meldebehörden von sich aus etwas ändern wollten, wäre dies Urkundenfälschung. Millionen Menschen drohe deshalb künftig der Erklärungsnotstand.

Schaut man sich den Monitor-Beitrag dann an, fragt man sich jedoch, was diese Story mit dem neuen Personalausweis zu tun hat. Monitor-Kronzeuge Ulrich Spalthoff, 58 Jahre, aus Nortrup in Niedersachsen hat nämlich überhaupt keinen neuen Personalausweis mit dem falschen Vornamen bekommen, sondern noch den alten Perso.

Screenshot Monitor

Screenshot Monitor

Und auch auf der Website ist ein Bild vom alten Personalausweis mit dem falschen Rufnamen „Heinrich“ zu sehen.

Ausriss Website ARD.de

Ausriss Website ARD.de

Zum Vergleich: So sieht der neue Personalausweis aus:

Der neue Personalausweis

Der neue Personalausweis

Was bleibt nun von der Monitor-Geschichte übrig? Nun, die aktuelle Version der Verwaltungssoftware zur Erstellung eines Personalausweises wurde so ausgelegt, dass im maschinenlesbaren Bereich nicht genügend Platz für alle Vornamen ist und nur der erste Vorname eines Bundesbürgers dargestellt wird. Und dieser ist in Ausnahmefällen nicht der Rufname des Ausweisinhabers. Auf dem Ausweis selbst sind aber alle Vornamen zu sehen. Das mag für die Betroffenen ärgerlich sein. Man kann das auch zum Thema eines Beitrags bei Monitor machen. Mit einem Skandal um den neuen Personalausweis hat die Story aber nun meiner Ansicht nach überhaupt nichts zu tun. Aber macht Euch selbst ein Bild. Ein Transkript des Beitrags steht hier.

DasErste.de – Monitor – Monitor vom 18.11.2010.

24 Responses to " Absurdistan: Das ARD-Magazin Monitor und der neue Personalausweis "

  1. Das Problem ist jedem bekannt, dessen Rufname nicht der erste Vorname ist. Denn dies ist relativ unüblich. Schon in der Schule muss man jedem Lehrer mehrfach erklären, wie es denn nun richtig ist. Genauso auch im weiteren Berufsleben. Es sei denn man lässt seinen ersten Namen irgendwann einfach ganz unter den Tisch fallen – was aber auch ärgerlich ist. Und so kann ich auch die Funktionsweise der Software verstehen, da diese (leider?) so arbeitet, wie man es erwarten würde.

  2. Peter Piksa sagt:

    Nach meinem bisherigen Wissensstand ist die Aufregung in diesem Posting unbegründet, während die Kernaussage des Monitor-Beitrags richtig bleibt. In dem Beitrag ging es um eine Softwareumstellung, die offensichtlich aufgrund des neuen elektronischen Personalausweises durchgeführt wurde. Dieser Softwareumstellung liegt das Vornamen-Problem zu Grunde, welches Monitor hier zum Thema machte.

    Die Kernaussage des Beitrags bleibt demnach, soweit ich es überblicken kann, unangetastet.

  3. Sven sagt:

    Danke für den Hinweis – hatte Monitor mit einem Ohr verfolgt und mich über den Beitrag auch etwas gewundert. Kann es sein, dass der neue Perso im Unterschied zum alten allerdings häufiger maschinell ausgelesen werden wird und deshalb diese Probleme auftauchen? Macht den Monitor-Beitrag nicht richtiger, aber das wäre zumindest meine Hypothese.

  4. Klaus Adam sagt:

    „Das mag für den Betroffenen ärgerlich sein…“, Leuten mit vermutlich nur einem Vornamen, geht es am A… vorbei, gelle?
    Ansonsten: ein „Skandal“ ist das natürlich nicht (wer hat es denn als solchen bezeichnet?), nur ein Zeichen für Blödheit der Software-Entwickler und Büro-Schläfrigkeit derer, die diese Software zugelassen haben.

  5. Toronto sagt:

    Vor Allem wirft der Beitrag auch noch andere Frage auf:
    1)
    Seit wann muss ich getauft sein, um mit Namen angesprochen zu werden?
    Ich bin mir sicher, dass der Großteil der Einheimischen hier zwar tatsächlich getauft sind, aber ich kenne auch etliche Leute, die eben nicht getauft sind. Haben die von vornherein kein Recht auf Ihren Namen?

    2)
    Wenn ich einen Vornamen habe und dieser genutzt wird, obwohl mein Rufname ein anderer ist, bin ich doch noch nicht „umgetauft“ (was nach christlichen Prinzipien so oder so unmöglich ist, man wird als Christ immer auf den Namen Jesus Christus getauft). Wenn mich Behörden mit einem anderen Namen ansprechen, als meine Freunde/Bekannten, warum bin ich dann umgetauft? Warum sollte das überhaupt irgendjemanden stören? Schließlich handelt es sich dabei doch um den legitimen Vornamen, ich bin ihn nur nicht gewohnt.

  6. Christoph sagt:

    @Peter Piksa In dem Beitrag wird Ulrich Spalthoff mit seinem Personalausweis gezeigt, der im maschinenlesbaren Bereich einen falschen Rufnamen zeigt. Das ist klar erkennbar der alte Personalausweis, nicht der neue. Wenn die Software-Umstellung „offensichtlich“ im Zusammenhang mit dem neuen „ePerso“ erfolgt ist, muss dies herausgearbeitet und belegt werden. In dieser Form ist der Beitrag in meinen Augen ein unseriöser Versuch, die allgemeine Aufregung um den neuen Personalausweis für eine ganz andere Geschichte zu instrumentalisieren.

  7. sascha sagt:

    Es geht nicht nur um einen Namen. Es geht darum, dass sich ein menschliches Verhalten einer Maschine zwangsweise unterordnen muss. Nicht die Maschine passt sich dem Menschen an. Dies ist das eigentliche Problem, welches in dem Beitrag aufgezeigt wurde. Individualität wird auf nichts reduziert, Freiheit auch im letzten staatlichen Winkel abgeschafft. Erst das biometrische Bild, bei dem der Untertan freudlos in eine Kamera starren muss, jetzt der Name. Was beim Bild noch gehen mag ist beim Namen ein Problem, denn über den Namen definiert sich ein Grossteil der Persönlichkeit hinter dem Menschen.

  8. […] Das Blog Mr. Gadget weist darauf hin, dass das Problem für Menschen mit letztem Namen als Rufnamen schon immer existiert und es sich […]

  9. Christoph sagt:

    @sascha Ich stimme Dir zu, dass der Umgang mit einem Namen keine Petitesse ist. Ich verstehe aber trotzdem nicht, warum Monitor diese Story krampfhaft mit dem neuen ePerso verbindet.

  10. -tk- sagt:

    Ein Freund hat seinen ersten Vornamen (welcher im Kindes- und Jugendalter genutzt wurde) nach einer bösen Familiengeschichte abgelegt, um auch nach außen plakativ den Übergang von der extrem negativen Zeit innerhalb der Familie zum selbstbestimmten Leben außerhalb des Familienverbundes zu zeigen. Für ihn ist der „alte“ Name extrem (besser noch der Superlativ: extremst) negativ belastet. Wenn man ihn aus Versehen (weil man ihn früher nur unter dem Namen kannte) mit dem ersten Vornamen ruft, zuckt er kurz zusammen, weil dann die ganzen negativen Geschichten wieder hochkommen. — Ich kann absolut nachvollziehen, daß es Gründe gibt, seinen 2. Vornamen und nicht den 1. Vornamen auf Flugtickets, Hotelbuchungen, Briefen, Behördenbriefwechsel, etc. sehen zu wollen.

  11. jjpreston sagt:

    Ganz einfach: Die Bundesdruckerei hat eine Softwareumstellung vorgenommen, wo es – in Pseudocode ausgedrückt – heißt:
    var mlt_Vorname = Vornamenarray[0];
    Wie das Medium des maschinenlesbaren Bereiches dabei aussieht (sichtbarer Bereich – alter Personalausweis – oder RFID-Chip – neuer Personalausweis), ist völlig irrelevant, da die Software in den Ämtern die Datensätze zusammenstellt. Die Druckerei übernimmt nur die Daten und schmeißt den entsprechenden Produktionsjob an – vereinfacht ausgedrückt.
    Dass Monitor einen alten Personalausweis zeigt, aber sich auf den neuen bezieht (bei dem das gleiche Problem eben besteht!), hat einen einfachen Grund: Einen RFID-Chip können nur mit entsprechenden Scannern/Lesegeräten und Software ausgelesen werden, und die gibt das Ministerium nicht einfach so an einen TV-Sender raus. Folglich konnte das Problem am neuen ePerso nicht gezeigt werden (zumal den kaum einer jetzt schon haben dürfte). Und – diese Verwirrung beweist es – einen Sachverhalt BILDLICH darzustellen, ist für Fernsehzuschauer ziemlich wichtig.

  12. CHY sagt:

    Der Unterschied ist schon gravierend, wenn beim neuen ePerso Vornahmen tatsächlich nicht unterschiedlich gewichtet werden können und automatisch der erstgenannte größeres Gewicht hat und als „Rufname“ verwendet wird.
    Dies ist die reinste Schlamperei von wahrscheinlich hochbezahlten IT-Dienstleistern oder -Mitarbeitern.
    Und der Bericht – den ich selber nicht gesehen habe – ist, wenn die Aussagen denn stimmen, sehr wichtig und offenbar richtig, auch wenn das illustrierende Beispiel nicht so glücklich ist. Die hier zelebrierte Aufregung ist völlig unangebracht!

    Beim alten Perso taucht der Rufname übrigens an mindestens zwei Stellen auf, jedenfalls bei mir (und mein Rufname ist nicht mein erster Vorname):
    – in der vorletzten Zeile hinter IDD und Familienname
    – eingeprägt rechts unten im Paßbild (hochkannt).
    Also: Bisher geht’s doch!
    Warum soll dies bei dem neuen Perso nicht möglich sein?

    Ach, was waren das für Zeiten, als der Rufname einfach nur unterstrichen werden mußte …

  13. Concertino sagt:

    @jjpreston: das stimmt nicht. Auch der neue perso hat eine MRZ, die sich auf seiner Rückseite befindet, und auf der nur der erste Vorname erscheint. Auf dem RFID-Chip werden alle Vornamen, wie sie auch auf der Vorderseite stehen, gespeichert ( max. 80 Zeichen)

  14. dodothegoof sagt:

    @Toronto

    Also „Taufe“ ist hier sicherlich nicht im christlichen Sinne sondern im übertragenen gemeint. Man tauft ja auch Schiffe, ohne das man da gleich einen christlichen Gedanken damit verbinden würde.

    Würde mich an dem Wort daher nicht zu hoch aufhängen.

  15. Hans sagt:

    Lächerlicher Beitrag. Wohlgemerkt: Der hier, nicht der von Monitor. Der Autor hier hat offenbar überhaupt nichts verstanden. Aber er gehört vermutlich auch nicht zu den Betroffenen.

  16. Christoph sagt:

    @Hans Ich habe tatsächlich nicht verstanden, was der Ärger über die falsche Darstellung des Rufnamens auf einem Ausweis-Dokument mit dem neuen Personalausweis zu tun hat.

  17. Wikinger sagt:

    Das Problem ist folgendes, wenn man sich den Ausweis oben ansieht wird man feststellen das er das Ablaufdatum 04. der 06.10.2020, kann man auf dem Bild nicht genau erkennen, hat. Damit ist er schon mit der neuen Software erstellt worden die das erste Feld im Namensbereich als Vornamen nimmt und nicht wie früher einen der Vornamen.

    Probleme tun ich dahingehend auf das man amtliche Vorgänge nicht abschließen oder durchführen kann weil der name auf dem Ausweis nicht mit dem auf den Dokumenten übereinstimmt. Dazu kommen alle möglichen Vorgänge bei denen man sich mit Ausweis legitimieren muss. Die Namen passen nicht aufeinander.
    Ich hatte ein ähnliches Problem damals mit einem Gericht. Ich habe 3 Vornamen, das ist in unserer Familie seit einigen Generationen üblich, und habe von einem Gericht eine Zeugenvorladung erhalten. Leider hatte der Polizist meinen Perso nicht richtig gelesen und meinen ersten Vornamen genommen statt meinem Rufnamen. Als nun die Vorladung kam wollte die Post sie mir nicht aushändigen weil ich gemäß Ausweis nicht so heiße wie auf dem Anschreiben. Erst mit viel Trara und einigen Telefonaten mit dem Gericht konnte ich das Problem lösen. Es war enervierend diesen „kleinen“ Fehler auszubügeln.

  18. Christoph sagt:

    @Wikinger Ich kann gut nachvollziehen, dass dieser von den Behörden verursachte Namens-Wirrwarr nervt. Im (von Menschen) lesbaren Bereich des neuen Personalausweis stehen die Vornamen aber nur noch einmal (nicht wie beim alten Personalausweis oben vollständig mit allen Vornamen und unten nur noch mit dem ersten Vornamen). Daher sollten die von Dir geschilderten Probleme doch eher seltener auftreten als häufiger.

  19. Peter Bütow sagt:

    Ich hatte schon unmittelbar nach der Sendung im monitor-blog der ARD darauf hingewiesen, dass das geschilderte Problem fälschlich dem „neuen“ Perso angelastet wird.

    Korrekt war im monitor-Beitrag allerdings der Hinweis, dass das Problem sich aus dem Personenstandsgesetz und dem Personalausweisgesetz ergibt. Das Lamento einiger Foristen hier über „Softwareumstellung der Bundesdruckerei“, „Schlamperei von IT-Mitarbeitern“ oder „Büro-Schläfrigkeit derer, die die Software zugelassen haben“, geht also ziemlich daneben – alle diese Leute sowie sämtliche Behörden haben sich gefälligst an die vom Parlament erlassenen Gesetze zu halten – auch wenn sie objektiv blödsinnig sein sollten.

  20. Christoph sagt:

    @Peter Bütow Danke für diese Erläuterung.

  21. Georg sagt:

    @Peter Bütow:
    Danke.

    Bei dem von „Monitor“ geschilderten Fall dürfte es sich um eine Schlamperei des zuständigen Einwohnermeldeamtes handeln. Was ich unter anderem daran festmache, daß ich
    a) das Problem aus eigener Anschauung kenne und
    b) erst gestern meinen Personalausweis nach altem Muster erhalten habe [gültig bis 27.10.2020], in dem der richtige „Rufname“ steht.
    Die Sachbearbeiterin mußte zwar das Antragsformular nochmal drucken, nachdem ich genau diesen Fehler darin gefunden hatte, aber das hat keine Minute gedauert und am Ende hatte alles seine Richtigkeit.

  22. Was war. Was wird. | alte-programme.de sagt:

    […] Fragen machten das Rennen, darunter eine zum Rufnamen, die aus Absurdistan gesendet wurde, weil auch der alte Ausweis nicht anders funktionierte. Aber halt, am 1. Dezember wird ein Türchen geöffnet und unser […]

  23. nachrichten-kompakt.de » Was war. Was wird. sagt:

    […] Fragen machten das Rennen, darunter eine zum Rufnamen, die aus Absurdistan gesendet wurde, weil auch der alte Ausweis nicht anders funktionierte. Aber halt, am 1. Dezember wird ein Türchen geöffnet und unser […]

  24. Ulrich Spalthoff sagt:

    ich wundere mich, dass die Seriosität des Monitor-Beitrages angezweifelt wird, weil mein neuer Personalausweis ein alter .. ist! Naürtlich ist es ein alter Ausweis, Ausgestellt im Oktober 2010, aber erstellt von der neuen Software, die ab Novermber 2010 bundeseinheitlich zum Einsatz kommt; die Ausstellungsbehörde hier gehörte zu ausgewählten Gemeinden, die die neue Software schon vorher probeweise einsetzten…

Kommentar verfassen

Audrey, IBM Shoebox, ViaVoice, Dragon, Siri, Google Now, Cortana: Die Geschichte der automatischen Spracherkennung

1962 präsentierte IBM ein Spracherkennungssystem, das nur...

Wie mit dem MITS Altair 8800 die PC-Revolution begann

Die Ausgabe der Elektronik-Zeitschrift “Popular...

15 Jahre Windows 95 – Wie Microsoft die Software-Geschichte umschreibt

Heute vor 15 Jahren, am 24. August 1995, brachte Microsoft...

Das war quasi mein iPod, damals

Ich räume gerade unsere Wohnung in Hamburg auf, um den...