Die Linke und und das Web 2.0

Am Abend dieses 15. November 2008 bleiben für mich einige Erkenntnisse übrig:

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Parteilogo
1. Spitzenpolitiker der Linken wie Lutz Heilmann oder die stellvertretende Bundesvorsitzende Katina Schubert haben richtig viel Ahnung, wie das Mitmach-Internet Web 2.0 funktioniert. Wenn auf Community-Websites wie der Wikipedia nicht genehme Inhalte veröffentlicht werden, marschiert man zu Gericht und lässt per Einstweiliger Verfügung den Zugriff auf die Website www.wikipedia.de des deutschen Fördervereins Wikimeda e.V. sperren oder stellt Strafanzeige. Dass der Wikimeda e.V. nicht Betreiber der deutschsprachigen Wikipedia ist, spielt dabei keine Rolle.

Ein Besucher der Mitgliederversammlung der Linkspartei liest am 4.12.2005 in Neumünster einen Artikel über Lutz Heilmann. (Foto: Ulrich Perrey dpa)
Ein Besucher der Mitgliederversammlung der Linkspartei liest am 4.12.2005 in Neumünster einen Artikel über Lutz Heilmann. (Foto: Ulrich Perrey dpa)
2. Lutz Heilmann, der für die schleswig-holsteinischen Linken im Deutschen Bundestag sitzt, ist ein echter PR-Profi. Nun weiß jeder Web-User in Deutschland, wie der Wikipedia-Artikel über ihn beginnt:

Lutz Eberhard Heilmann (* 7. September 1966 in Zittau) ist ein deutscher Politiker (Die Linke). Heilmann ist der erste ehemalige hauptamtliche Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR, der in den Bundestag eingezogen ist.

Die Frage, ob gegen Heilmann wegen Bedrohung seines Ex-Partners ermittelt wird und ob dazu seine Immunität aufgehoben wurde (was Heilmann bestreitet), ist dabei in den Hintergrund gerückt.

3. Lutz Heilmann will nicht die freie Meinungsäußerung nicht einschränken. Nein, wie kann man nur auf diesen Gedanken kommen. Dem Portal Heise.de sagt der Jurist: „In dem Artikel standen falsche Tatsachenbehauptungen, die geeignet sind, meinen Ruf zu schädigen.“ Er habe deswegen nicht nur Klage gegen Wikimedia Deutschland eingereicht, sondern auch drei Strafanträge gegen Wikipedia-Autoren gestellt, die diese Behauptungen eingestellt hätten. Wie gut, dass Heilmann über einschlägiges Fachwissen verfügt, denn schließlich hat er zwölf Jahre lang Jura studiert (1992 bis 1997 Jura-Studium an der FU Berlin und 1997 bis 2004 an der Christian-Albrechts-Universität Kiel) und darf sich Diplom-Jurist nennen.

4. Spiegel Online freut sich über schöne Zugriffszahlen auf diese Artikel:

Umstrittener Eintrag: Linke-Politiker lässt wikipedia.de sperren – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Netzwelt

Biografien: Ein Stasi-Mann spaltet die Linkspartei – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Politik

Artikel – LINKSPARTEI- Stasi im Bundestag – SPIEGEL WISSEN – Lexikon, Wikipedia und SPIEGEL-Archiv

5. Im Programmatischen Gründungsdokument der Partei DIE LINKE vom März 2007 gibt es zwar einen länglichen Abschnitt „Wissenschaft und Bildung, Medien und Kultur“. Die Worte „Internet“, „Web“ oder „online“ tauchen in der „Geburtsurkunde“ der PDS-Nachfolgepartei aber nicht auf. Immerhin finden einige Genossen das Verhalten von Heilmann peinlich. Und sehr beruhigend ist natürlich auch, dass die Links-Fraktion im Bundestag in Positionspapieren Vorkämpfer für die Freiheit im Internet ist:

Zu einem umfassenden Zugang zum Netz gehört für uns auch, dass Inhalte nicht beliebig gefiltert werden dürfen. Eine Zensur des Internets lehnen wir ab.

6. www.wikipedia.de ist nicht die Startseite der deutschsprachigen Wikipedia.

7. Am Landgericht Lübeck gibt es echte Internet-Koryphäen, die eine Website des Wikimedia Deutschland e.V. sperren, weil die Site auf die Internetadresse de.wikipedia.org weiterleitet. Dabei spielt es aus Sicht des hanseatischen Web-Experten vom Landgericht Lübeck auch keine Rolle, dass für die Inhalte des Lexikons die Wikipedia Foundation in den USA zuständig ist. Dabei lässt sich der Richter auch nicht von der Aussicht beeindrucken, dass seine Einstweilige Verfügung bald kassiert wird.

(Nachtrag)
8. Der Förderverein Wikimeda e.V. erlebt gerade eine kleine Spendenwelle. An einem Durchschnittstag laufen rund 3000 Euro Spenden ein, heute waren es 16.239,68 Euro. Hier kann man für die Wikipedia spenden.

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One comment

  1. Volle Zustimmung! Man kann sich nur wundern, wie sich manche Leute ins totale Aus schießen. Ich bin sehr gespannt, wie sich seine Partei am Montag äußern wird. Dass von dieser Seite bislang noch nichts kam, außer der Eintrag eines Mitarbeiters in seinem privaten Blog – http://www.mark.linkeblogs.de/2008/11/15/wie-peinlich-lutz-heilmann-mdb-im-kreuzzug-gegen-wikipedia/ – finde ich auch erstaunlich. Sich tot stellen, ist ja nun auch keine Lösung. Das ist ja keine Privatangelegenheit eines Abgeordneten mehr.

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