Meine Begegnungen mit Bill Gates

Von | Microsoft, Personal Tech

In drei Tagen, am kommenden Freitag, hat Bill Gates seinen letzten Arbeitstag bei Microsoft. Aus diesem Anlass verweise ich gerne auf das Video, das Gates im Januar auf der CES in Las Vegas vorgeführt hatte. Der Film zeigt, dass Gates durchaus Humor haben kann:

httpv://www.youtube.com/watch?v=Xr5w3X4R8b4

Ich habe Gates persönlich zum ersten Mal anlässlich der Präsentation von Windows 95 im August 1995 und dann gut drei Monate später am 7. Dezember 1995 bei der berühmten Ankündigung der Internet-Strategie von Microsoft getroffen. Damals konnte man als Journalist noch direkt am großen runden Tisch mit Gates sitzen, ohne dass er von Bodyguards oder PR-Leuten abgeschirmt wurde.

Neben verschiedenen Gruppen-Interviews auf der Computermesse Comdex bzw. der CES in Las Vegas habe ich vor allem noch ein Interview im OKtober 2004 mit Gates in Los Angeles in Erinnerung, als Microsoft sein überarbeitetes Media Center vorgestellt hatte. Damals hatten Microsoft-Partner wie LG auch TV-Geräte mit einem eingebauten Media Center 2005 auf den Markt gebracht. Als ich dann wagte zu fragen, wann denn große Unterhaltungselektronikmarken wie Sony und Philips folgen werden, hat er mir erst einmal eine lange Standpauke gehalten, dass Microsoft und Sony doch hervorragend zusammenarbeiten und beispielsweise der Sony Vaio mit Windows laufe (was ich nicht bestritten hatte).

Bill Gates - Christoph Dernbach

Wenn ich heute das im Herbst 2004 in der MACup veröffentlichte Interview nachlese, muss ich schmunzeln, denn auf meine Fragen zur „PlaysForSure“-Allianz und zum Erfolgsmodell iPod/iTunes habe ich damals bemerkenswerte Antworten bekommen, die heute so niemand mehr bei Microsoft formulieren würde. Die von Gates damals gepriesene Allianz „PlaysForSure“ gibt es heute nicht mehr. Und Microsoft hat inzwischen mit seinem (bislang noch erfolglosen) MP3-Player Zune das damals von Gates kritisierte Modell iPod/iTunes kopiert.

(Interview Oktober 2004)

Mr. Gates, frustriert es Sie, dass Apple mit seinen Aktivitäten im Bereich „Digitale Unterhaltung“ in diesen Tagen so viel Aufmerksamkeit erhält?

GATES: Nein, das ist schon okay. Für Apple ist es klasse, so sehr im Rampenlicht zu stehen. Ich war 1984 dabei, als der Macintosh vorgestellt wurde, der das Vorbild für die grafische Benutzeroberfläche schuf. Wir bei Microsoft glauben an den PC. Und zusammen mit Apple glauben wir daran, dass der PC eine starke Rolle im privaten Lebensbereich spielen wird. Inzwischen unternehmen wir mehr als Apple in diesem Bereich – und das sage nicht nur ich. Aber je mehr mehr Aufmerksamkeit den digitalen Medien geschenkt wird desto besser.

Aber Apple hat bei der digitalen Unterhaltung wieder die Rolle des Vorreiters eingenommen?

GATES: Nun, die Leute bei Apple waren nicht die ersten, die einen Musikplayer gebaut haben. Und sie haben auch nicht den ersten Musikladen online gebracht. Apple hat aber die vorhandenen Stücke richtig zusammen gesetzt, als es um die Lizenzierung (der Musik) und das User-Interface ging. Und sie waren in der Lage, daraus ein echtes Phänomen zu schaffen. Dafür verdient Apple Anerkennung – so wie sie Anerkennung für den Apple II oder den Macintosh verdienen.

Ist Apple mit dem iPod und iTunes uneinholbar davongezogen?

GATES: Nein, der Markt befindet sich noch in den Kinderschuhen. Wenn man sich die Zahlen anschaut, sieht man, dass viele Menschen überhaupt noch keinen digitalen Musikplayer besitzen. Ich frage Sie: „Als Henry Ford (im Jahre 1908) sein T-Modell auf den Markt brachte, war dies das Ende der Automobilindustrie?“ Nein, es war erst der Anfang einer unglaublichen Entwicklung.

Was will Microsoft denn besser machen als Apple?

GATES: Nun, es ist wichtig zu verstehen, dass Musik ein Teil der Vision der „Digitalen Unterhaltung überall“ (Digital Entertainment Anywhere) ist und zwar ein wichtiger Teil. Aber wenn wir an Musik denken, dann denken wir nicht nur an einen einzigen Musikladen oder ein einziges Abspielgerät. Wir glauben, dass Auswahlmöglichkeiten wichtig sind. Wir glauben, dass man ein Musikgerät auch vom Sofa aus bedienen können muss. Wir glauben, dass Abonnements von Musikinhalten – und nicht nur Downloads – der richtige Weg sein können.

Apple hat einen guten Job gemacht, wenn man sich auf einen Shop und ein Gerät beschränkt. Aber so machen sie das eben: Der Marktanteil, bei dem Apple im PC-Markt gelandet ist, basiert auf der Philosophie, dass man ihre Hardware kaufen muss, um ihre Software zu erhalten. Und manche Verbraucher bevorzugen dieses Modell.

Und wie sieht Microsofts Modell aus, Mr. Gates?

GATES: Wir wollen den Verbrauchern eine Auswahl bieten. Das Geschäftsmodell der Vielfalt hat in jedem Fall, den ich kenne, dazu geführt, dass letztlich ein höheren Marktanteil erobert werden konnte. Man muss aber auch klar sagen, dass wir noch mitten in der Pionierphase stecken und noch ein langer Weg vor uns liegt.

Die ersten Versionen Ihrer Unterhaltungs-PCs haben ja nicht so gute Kritiken bekommen. Warum sollte sich jetzt jemand das neue „Windows Media Center 2005“ anschaffen?

GATES: Nun, es ist typisch für Microsoft, dass wir zunächst etwas auf den Markt bringen, dass in seinen frühen Versionen nur einen kleinen Interessentenkreis anspricht. Beim Windows Media Center haben wir das Feed-Back dieser „Hard-Core-User“ aufgegriffen und und zusammen mit Hardware-Herstellern und Inhalte-Anbietern kontinuierlich an Verbesserungen gearbeitet.

Aber die Windows Media Center machen gerade mal drei Prozent der in den USA verkauften PCs aus. Das kann Sie doch nicht zufrieden stellen?

GATES: So rechnen wir das nicht. Die Anzahl der verkauften Office-PCs ist als Maßstab für den Erfolg in der Unterhaltungselektronik nicht relevant. Uns kommt es nicht darauf an, wie viele Media Center wir im Vergleich zu den Office-PCs verkaufen, sondern auf die absolute Stückzahl. In den vergangenen drei Jahren wurden insgesamt rund eine Million Stück verkauft, und das liegt über unseren Erwartungen. Und in den kommenden Jahren werden wir noch viel mehr davon verkaufen.

Der Erfolg von Geräten wie dem Windows Media Center setzt aber voraus, dass auch genügend Inhalte digital vorliegen.

GATES: Ja, das stimmt. Ich war gestern Abend bei einem Empfang mit vielen Film- und Musikleuten hier aus Hollywood. Manche habe ich gekannt – und etliche auch nicht, was sicherlich an meinem Alter liegt (lacht). Denen war aber allen klar, dass digitale Unterhaltung schon jetzt stattfindet. Sie brauchen Lizenzmodelle, die digitales Entertainment fördern, das nach Nutzung bezahlt wird. Wir möchten das so einfach wie möglich machen. Wenn Medienfirmen Inhalte zu günstigen Preisen anbieten können, dann wird der Anteil der Piraterie auf einem erträglichen Niveau gehalten werden können. Wir drängen die Filmindustrie, mehr Filme digital anzubieten – und sie früher auf den Markt außerhalb der Kinos anzubieten.

Die Film- und Musikindustrie macht sich aber große Sorgen, denn überall im Netz stehen Musikstücke und die neusten Kinostreifen kostenlos zum Download bereit. Was unternimmt Microsoft zum Schutz der Inhalte?

GATES: Ich ermutige Sie, mit den Verantwortlichen der Medien-Firmen über ihre Beziehung zu Microsoft zu sprechen. Die werden Ihnen bestätigen, dass wir das Thema ernst nehmen und die Unterhaltungsindustrie umfassend in unsere Produkt-Planung einweihen. Vor drei, vier Jahren hatten wir noch nicht so ein ausgeprägtes Bewusstsein für Anliegen der Medienindustrie. Und schauen Sie sich an, wie viel wir in Forschung und Entwicklung in diesem Bereich stecken. Davon profitieren nicht nur große Konzerne wie Time-Warner, sondern auch kleine Plattenlabels und unabhängige Filmstudios.

Gehen Sie denn direkt gegen die Piraten im Internet vor?

GATES: Im Kampf gegen Raubkopierer kann Microsoft keine aktive Rolle bei der Strafverfolgung übernehmen. Uns geht es ja selbst wie der Musik- oder Filmindustrie, denn wir wollen für unsere Leistungen bezahlt werden. Und wenn wir einen Fall von bedeutender Piraterie mitbekommen, dann weisen wir die Strafverfolgungsbehörden darauf hin.

Zum Schutz der Urheberrechte setzt Microsoft seine Technologie für das „Digital Rights Management“ (DRM) ein, Real und Apple benutzen jeweils andere Technologien. Kann sich die Industrie nicht auf ein Format einigen? Oder setzt sich derjenige durch, der die stärksten Muskeln hat?

GATES: Die Sache mit dem Digital Rights Management ist ziemlich komplex. Wir bieten unsere Technologie für jedes System an. Und sogar Real, mit denen wir im Wettbewerb stehen, unterstützt unsere Arbeit in Sachen Digital Rights. Apple hat sich dafür entschieden, keine andere Digital-Rights-Technologie einzusetzen (außer dem eigenen FairPlay-Format). Kein anderer Online-Musikladen (außer Apples iTunes Musicstore) darf FairPlay einsetzen. Und kein anders Format außer FairPlay darf bei Apple im eigenen Store oder auf dem eigenen Gerät (iPod) benutzt werden.

Ist das in Ihren Augen unfair?

GATES: Nein, das ist schon okay. Aber das ist das geschlossene Modell, das Apple schon immer eingesetzt hat. Wenn du ihre Software haben willst, musst du auch Ihre Hardware kaufen. In diesem Fall lautet die Vorgabe: Wenn Du den iTunes Musicstore nutzen willst, dann musst Du auch den Player von Apple kaufen. Ich bin mir sicher, dass der Rest der Industrie – selbst wenn sie sich nicht auf ein einheitliches DRM-Format einigen – die Geräte-Hersteller dazu bringen wird, alle notwendigen Formate zu unterstützen. Und somit erreichen wir eine totale Kompatibilität. Daher führen wir ein Logo ein, das ein einfaches Versprechen enthält „PlaysForSure“ (Spielt garantiert). Sie werden sehen: Quasi jeder Online-Musikladen wird dieses Logo tragen – bis auf Apples iTunes. Sie haben uns gesagt, dass sie bei uns nicht mitmachen wollen. Wir haben von unserer Seite aus klar gemacht, dass wir es Apple super leicht machen würden, wenn sie denn tatsächlich Kompatibilität unterstützen wollen.

Wenn Microsoft sich mit seiner Technologie im Unterhaltungsmarkt durchsetzen sollte – wovon Sie ja ausgehen – besteht dann nicht die Gefahr, dass ihr Unternehmen auch die Medienindustrie kontrolliert?

GATES: Nein, das Gegenteil ist richtig. Wir sind kein Gatekeeper und werden uns auch künftig nicht zu einer übermächtigen Kontrollinstanz entwickeln. Wir tragen hier in Amerika zum Beispiel dazu bei, das ehemalige Quasi-Veröffentlichungsmonopol der Rundfunksender weiter aufzuweichen. Wenn Sie zum Beispiel die legendären Vorlesungen des (1965 mit dem Nobelpreis ausgezeichneten) Physikers Richard Feynman suchen, werden sie im Programm der Rundfunksender nicht fündig. Weil das Windows Media Center Sie mit dem Internet verbindet, können Sie jetzt die Vorlesungen schnell finden und sie anschauen, wann immer Sie Zeit dazu haben.

Und Sie wollen keinen Einfluss auf die Inhalte nehmen?

GATES: Nein, Microsoft fragt niemanden, welche Inhalte er erstellen möchte, wenn er unsere Software einsetzt. Schauen Sie sich den Markt der Büro-Software an. Unsere Textverarbeitung „Word“ ist populär, wirklich sehr populär, auch bei Journalisten. Und das heißt noch lange nicht, dass nur nette Artikel über Microsoft erscheinen.

Interviewer: Christoph Dernbach

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Für dpa haben wir jetzt zum Abschied von Bill Gates ein kleines Themenpaket zum Abtritt von „Mr. Microsoft“ geschnürt. Meine Kollegin Renate Grimming hat sich die Frage gestellt, wird es mit „Microsoft 2.0“ ohne Bill Gates weitergehen wird:

«Microsoft 2.0» – Wie geht es ohne Gates weiter? sueddeutsche.de

Ich habe in meinem Korrespondentenbericht zurückgeschaut und versucht, Gates‘ Lebenswerk halbwegs fair zu beschreiben:

«Nerd», Visionär und Macht-Stratege

Als eine Wordle-Tagcloud siegt der Text übrigens so aus:

Tagcloud Korrespondentenbericht zum Lebenswerk von Bill Gates

Zusätzlich haben wir noch eine Zeitleiste zusammengestellt.
Chronologie: Bill Gates und Microsoft – Eine beispiellose Karriere

Renate hat außerdem ein Blick auf die Bill & Melinda Gates Foundation geworfen:

Stichwort: Die Bill & Melinda Gates Foundation – WELT ONLINE

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