Microsoft ist mit Windows Phone 7 wieder im Spiel

Wieviele Anläufte hat Microsoft eigentlich unternommen, um ein vernüftiges Konzept für ein Smartphone vorzustellen? Ich habe sie nicht gezählt. Aber gefühlt waren das unglaublich viele Versuche. Und sie alle krankten daran, dass Microsoft-Mitbegründer Bill Gates sich irgendwann in den neunziger Jahren ausgedacht hatte, dass es für PC-Anwender doch furchtbar bequem sein müsse, wenn ihr Handy so ähnlich zu bedienen ist wie Windows auf dem PC. So erhielt Windows Mobile wie Windows 95 einen „Start“-Knopf. Und wenn man darauf (am besten mit einem Stift als Maus-Ersatz) tippte, dann klappte ein Menü herunter, ganz ähnlich wie beim PC. Doch ein Smartphone ist kein geschrumpfter PC. Das hat nicht nur Apple mit dem iPhone erkannt, sondern auch etliche Microsoft-Partner wie HTC, die über die fast unbedienbare Oberfläche von Windows Mobile ihre eigene Oberfläche stülpten.

Startscreen Windows Phone 7
Startscreen Windows Phone 7

Mit dem heutigen Tag hat Microsoft sich um 180 Grad gedreht und seinem nun „Windows Phone 7“ genannten Betriebssystem ein komplett neues Look&Feel verpasst. Die Optik orientiert sich stark am Musikplayer Zune, der sicherlich nicht wegen einer schlecht gestalteten Oberfläche bislang nur mäßig kommerziell erfolgreich ist. Ich muss gestehen, ich hätte Microsoft nicht zugetraut, so radikal vom Bill-Gates-Dogma der PC-Oberfläche für das Handy Abschied zu nehmen. Chapeau!

Im Gegensatz zu anderen, hier auf dem Mobile Wolrd Congress in Barcelona präsentierten Oberflächen wie Bada von Samsung, hat Microsoft auch der Versuchung widerstanden, die iPhone-Oberfläche einfach zu klonen. Der Startscreen führt zu sechs verschiedenen Bereichen, die Microsoft „Hub“ nennt: People, Pictures, Games, Music + Video, Marketplace und schließlich Office. In diesen Hubs fasst Microsoft Anwendungsszenarien zusammen, die breiter als eine einzelne App definiert sind. Ich bin gespannt, wie sich das neue Konzept in der Praxis bewähren wird.

Eine Informationen blieb Microsoft noch schuldig. So ist beispielsweise noch unklar, ob der Browser von Windows Phone 7 Flash unterstützen wird (oder nur die Microsoft-Konkurrenztechnologie Silverlight). (Update 16.2.: Windows Phone 7 selbst unterstützt Flash nicht. Das heißt aber nicht, dass es kein Flash-Plugin von Adobe geben wird.)

Noch nicht beantwortet ist für mich auch die Frage, ob OEM-Partner wie HTC auch in Zukunft die Oberfläche des Betriebssystems modifizieren können/dürfen oder nicht. HTC-Chef Peter Chou hatte in der Vergangenheit bei verschiedenen Anlässen betont, wie wichtig für HTC selbst kreiierte Oberflächen wie HTC Touch waren.

(Update 16.2.: Microsoft wird bei Windows Phone 7 keine größeren Änderungen an der GUI erlauben. Es gibt ein wenig Spielraum das System an einen Provider anzupassen, um beispielsweise ein Vodafone-Rot unterzubringen. Eine eigene Benutzeroberfläche wird aber nicht mehr möglich sein. Fest gesetzt sind auch die drei hardware-Knöpfe.)

People-Hub in WP7
People-Hub in WP7
Picture-Hub in WP7
Picture-Hub in WP7
Music&Pictures-Hub in WP7
Music&Pictures-Hub in WP7
Games-Hub in WP7
Games-Hub in WP7
Office-Hub in WP7
Office-Hub in WP7

Ein Smartphone mit Windows Phone 7 wird immer mit einem Hardware-Knopf (von insgesamt drei Buttons) ausgestattet sein, der die Suchmaschine Bing aufruft. Da die Marktanteile von Microsoft im Mobilfunksektor nicht besonders hoch sind, wird man das auch nicht als Monopolisten-Trick auslegen können. Weitere Details will Microsoft zu Entwicklerkonferenz Mix 2010 nennen, die vom 15. bis 17. März in Las Vegas stattfinden wird. Auf der Mix wird Microsoft dann auch die Details seiner App-Strategie bekanntgeben.

Blöd dran sind Microsoft-Kunden, die sich gerade erst ein Smartphone mit Windows Mobile 6.5 gekauft haben. Ihre Geräte werden wohl auch nicht auf das neue Windows Phone 7 upgegradet werden können. (Update: Microsoft wird auch nach dem Start von Windows Phone 7 das System Windows Mobile 6.5 vermarkten, da bestimmte Firmenkunden auf die Unterstützung der alten Umgebung angewiesen sind.)

Die ersten Geräte mit dem neuen Betriebssystem wird es nach den Worten von Microsoft-Chef Steve Ballmer rechzeitig zum Weihnachtsgeschäft 2010 geben. Zu den Microsoft-Partnern, die auf dem MWC genannt wurden, gehören neben der Deutsche Telekom AG und Vodafone auch die internationalen Teleko-Konzerne AT&T, Orange, SFR, Sprint, Telecom Italia, Telefónica, Telstra, T-Mobile USA und Verizon Wireless sowie die Hersteller Dell, Garmin-Asus, HTC Corp., HP, LG, Samsung, Sony Ericsson, Toshiba und Qualcomm Inc.

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