15 Jahre Windows 95 – Wie Microsoft die Software-Geschichte umschreibt

Heute vor 15 Jahren, am 24. August 1995, brachte Microsoft sein Betriebssystem Windows 95 auf den Markt. Das System war ein Meilenstein in der Geschichte der Personal Computer. Deshalb weist auch die Microsoft-Pressestelle heute in einer Mitteilung auf dieses Jubiläum hin. Allerdings unternehmen die Mitarbeiter des Softwarekonzern dabei nicht weniger als den Versuch, die Geschichte der Software-Entwicklung umzuschreiben:

Nach heutigen Maßstäben mag die 95er-Variante von Windows spartanisch anmuten – damals aber revolutionierte sie die Nutzung von PCs. So war es 1995 ein absolutes Novum, dass Anwender erstmals Daten auf einer Desktop-Oberfläche ablegen oder in einen virtuellen Papierkorb verschieben konnten. Windows 95 war zudem das erste 32-Bit-Betriebssystem, das eine „Plug and Play“-Funktion anbot, um das Installieren neuer Hardware zu erleichtern. Dazu bot ein simpler Mausklick auf den neuen „Start“-Knopf Zugriff auf alle Programme und Einstellungen des PCs. Mit der neuen Taskleiste konnte direkt zwischen den aktiven Programmen hin- und hergewechselt werden. So einfach war die Bedienung eines Computers vorher nie.

Die Desktop-Oberfläche und der virtuelle Papierkorb in Windows 95 sollen „ein absolutes Novum“ gewesen sein? Wer so eine Behauptung aufstellt, begeht Geschichtsklitterung. Ich habe die Entwicklung des „Graphical User Interfaces“ etwas anders in Erinnerung.

Das Konzept einer Maus-Bedienung wurde erstmals im Dezember 1968 von Doug Engelbart am Stanford Research Institute (SRI) demonstriert. Die Firma Microsoft gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. (Bill Gates war damals gerade mal 13 Jahre alt).

Die legendäre Vorführung vom 9. Dezember 1968 gilt heute als „Mutter aller Demos“.

Das legendäre Forschungsinstitut Xerox PARC in Kalifornien entwickelte dann in den siebziger Jahren ein komplettes Konzept für die Desktop-Metapher zur Bedienung eines Computers.


Demo des Xerox Alto (aus: Triumph of the Nerds)
Die grafische Benutzeroberfläche wurde von Xerox mit dem „Alto“ auch kommerziell auf den Markt gebracht. Den Massenmarkt für GUI-basierte Computer erreichte dann Apple mit der Lisa (1983) und dem Macintosh (1984) – auch weil das Team von Steve Jobs sich bei Xerox eine Menge Anregungen geholt hatte.

Wenn man großzügig ist, kann man noch argumentieren, dass Microsoft sich in der Pressemitteilung nur auf PCs bezieht – und deshalb frühere Computer mit einer GUI nicht berücksichtigt. Aber auch für den „IBM-kompatiblen“ PC gab es vor Windows 95 quasi alle Errungenschaften, die in der Mitteilung auflistet werden. Das System stammte allerdings nicht von Microsoft, sondern von IBM – nämlich OS/2. Microsoft war zwar anfänglich noch an der Entwicklung des DOS-Nachfolgers beteiligt, stieg aber 1991 aus dem OS/2-Projekt aus, um das eigene Windows-System voranzutreiben.

Screenshot OS/2 Warp 3 (1994)
Das Betriebssystem OS/2 Warp 3 aus dem Jahr 1994

Windows 95 war dann immerhin das erste System von Microsoft, bei dem „Anwender erstmals Daten auf einer Desktop-Oberfläche ablegen oder in einen virtuellen Papierkorb verschieben konnten“.

Siehe auch diese Artikel:

Vom Labor auf den Schreibtisch – Vor 40 Jahren präsentierte Doug Engelbart die erste Computermaus

Geschichte des Apple Macintosh – Xerox PARC

Update: Das Video in diesem Beitrag zeigt die Entwicklungsumgebung Smalltalk, die in den 1970er Jahren am Xerox PARC Forschungszentrum durch Alan Kay, Dan Ingalls, Adele Goldberg und andere entwickelt wurde. Sie wurde allgemein unter dem Namen Smalltalk-80 freigegeben und hat die Entwicklung vieler späterer Programmiersprachen, wie etwa Objective-C, Java und Ruby beeinflusst.

2. Update: Jan Wildeboer weist noch auf die Systeme GEM und GEOS hin, die ebenfalls über eine grafische Benutzeroberfläche verfügten. Der Graphical Environment Manager (GEM) von Digital Research wurde vor allem durch den Rechner Atari ST unter dem Betriebssystem TOS bekannt. Es gab auch Versionen für den IBM-PC sowie eine Unix-Variante.

Screenshot GEM
Der Graphical Environment Manager (GEM) aus dem Jahr 1984

Das Betriebssystem GEOS (Graphic Environment Operating System) wurde von Berkeley Softworks entwickelt und für die 8-Bit-Computer C64, C128 sowie Apple II 128k und Apple IIc/e veröffentlicht.

Screenshot GEOS
GEOAS auf dem Commodore 64

About Christoph

Check Also

Build 2011: Screenshots von Windows 8

Microsoft hat die Entwickler zur Konferenz Build nach Kalifornien gerufen, um ihnen – und der …

8 comments

  1. Viel lustiger finde ich ja, dass die es heute tatsächlich wagen, ihr wackliges 16-Bit-Museum als „32-Bit-Betriebssystem“ anzupreisen. Was übrigens OS/2 angeht, das ich jahrelang genutzt habe, so war Windows 95 zwar zwar deutlich schlechter, aber eben tatsächlich auch deutlich einfacher. Windows 95 war insofern eine Revolution, als es das erste Windows war, das einen nicht in den Wahnsinn trieb.

  2. Hmm, ich verstehe irgendwie den Focus nicht. Weder den der Meldung noch dieses Artikels. Windows 2 (’87) und 3 (’90) haben auch bereits die Desktopmetapher bedient (und ähnelt OS/2 optisch da ziemlich stark), also darauf war die Meldung sicher nicht ausgelegt.

  3. Auch beim Amiga war meiner Erinnerung nach der Desktop ein Dateifenster, also ebenfalls die Möglichkeit, dort Dinge abzulegen. Und was ist mit Windows for Workstations 3.11?

  4. So weit ich mich erinnern kann, gibt es GEM seit 1985! Also gut zehn Jahre länger als Win95. War nicht sogar der Ventura Publisher (damals das State-of-the-Art DTP-Programm) nur auf GEM lauffähig?

    Ausserdem wundert mich, dass Microsoft nicht Windows 1.0, 2.11, 3.0 und 3.1 mehr würdigt. Das waren auch grafische Betriebssysteme. 3.1 for Workgroups war sogar für damalige Verhältnisse richtig gut. Etwa dank TrueType (übrigens eine Apple-Erfindung) mit verschiedenen Schriften drucken, unabhängig davon, ob diese im Drucker integriert waren oder nicht. Es konnte auch echtes Filesharing. War bis dahin auch nicht so einfach…

  5. Ja vergeßt mir das Amiga OS nicht. Damals (95) habe ich schon über Windows gelacht. Das einzige was mich vom Konzept noch mehr begeistern konnte war NextStep und das habe wir jetzt quasi auf dem Mac. Gut für mich 🙂

  6. Stimmt. Die Amiga Workbench hatte 1985 auch schon einen Papierkorb.

  7. In meiner Erinnerung hatte och in meinen Studentenferienjobs auf jeden Fall GEM vor Windows 3.11 (evtl. auch schon früher) auf PCs. Muss Mitte / zweite Hälfte der 80er gewesen sein.

    Etwa zu der gleiche Zeit auf der ich an der Uni Desktops auf den Macs, den Apollo-, Sun-, und IBM- Workstations und den Symbolics und Texas Instruments LispMachines hatte.

    Im übrigen hiess der Xerox Rechner nur Alto, auch wenn er in Palo Alto entstanden ist.

    Dessen Projektleiter war im übrigen Charles P. Thacker, der dieses Jahr den Turing-Award bekommen hat, und seit einiger Zeit Technical Fellow bei Microsoft ist und dort Ende der 90er im Cambridge Research Lab aufbaute und später am ersten Tablet PC arbeitete.

  8. Danke für den Hinweis zum Alto. Ich korrigiere das.

Kommentar verfassen