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"Onkel Jonathans Märchenstunde" oder wie man mit dicken Schlagzeilen über das "Sicherheitsrisiko iPhone 3G" Quote machen kann

Den Auftakt machte Brian X. Chen von Wired.com. Unter der Überschrift “IPhone Takes Screenshots of Everything You Do” berichtete Chen von einem Vortrag von Jonathan Zdziarski. Der “Daten-Forensik-Experte” rührte auf der Veranstaltung des Verlags O’Reilly die Werbetrommel für sein noch nicht erschienenes Buch “iPhone Forensics: Recovering Evidence, Personal Data, and Corporate Assets”.

Als Appetithappen zeigte Zdziarski unter anderem, dass das iPhone beim Verlassen einer Anwendung (ausgelöst durch das Drücken des Home-Buttons) ein “Screenshot” der Anwendung macht, um den Übergang zum Startbildschirm optisch zu animieren. Zwar lösche das iPhone vermutlich diese Grafik sofort wieder. “Aber jeder, der was von Daten versteht, ist sich darüber bewusst, dass Löschen in den meisten Fällen die Dateien nicht permanent von dem Speichermedium entfernt”, sagte Zdziarski. “Daher haben Forensik-Experten diese Sicherheitslücke bereits ausgenutzt, um Beweise gegen Kriminelle einzusetzten, die der Vergewaltigung, des Mordes oder des Drogenhandels überführt worden seien.” In dem weiteren Vortrag blieb der Mann jeden Beweis für diese kühne Behauptungen schuldig.

In dem Kommentar-Bereich von Wired.com stießen User schnell auf die Schwächen dieser Story, vorallem die Räuberpistole mit den überführte Kriminellen:

“Therefore, forensics experts have used this security flaw to successfully nab criminals who have been accused of rape, murder or drug deals.”
That’s a pretty absurd—and unlikely—claim. But you used the past tense, so presumably you have verifiable evidence of this happening, and I’m sure you’d be happy to cite your sources and prove—if you can—this statement.
Posted by: Ben | Sep 11, 2008 2:51:12 PM

You write: “if you’ve got an iPhone, pretty much everything you have done on your handset has been temporarily stored as a screenshot that hackers or forensics experts could eventually recover”
Fact: iPhone takes a single picture of the screen when you quit an application – it doesn’t continually take screenshots. It does this, so that when you relaunch the app, you’re looking at the last screen shown, while the app finishes launching.
Developers also have to include a screen shot of the default screen in their apps – in both cases, the pictures are used at app startup.
Posted by: John | Sep 11, 2008 10:58:57 PM

Wir bei dpa haben heute wegen dieser berechtigten Zweifel darauf verzichtet, diese Story von Wired.com mit dem reißerischen Leadsatz “Your iPhone is watching you” aufzugreifen. Andere Redaktionen hatten da weniger Skrupel:

Allen voran galoppierte Spiegel Online mit einer Überschrift, die durch den Zdziarski-Vortrag nicht gedeckt ist:

DATENSCHUTZLÜCKE
iPhone macht ständig Screenshots von Anwendungen

Spiegel-Klickliste am Abend des 12.9.2008

Spiegel-Klickliste am Abend des 12.9.2008

Selbst Experte Zdziarski behauptet nicht, dass das iPhone “ständig” Screenshots von Anwendungen mache, sondern nur beim Aufruf der Startseite. (“When an iPhone user taps the Home button, the window of the application you have open shrinks and disappears. In order to create that shrinking effect, the iPhone snaps a screenshot, Zdziarski said.”) Hinweise auf die Zweifel an der Story findet man bei SPON leider nicht. Dem Klick-Erfolg schadete das nicht. Das Stück rangierte am Freitagabend auf der SPON-Liste “Most wanted” auf Platz eins.

Bei dieser Vorlage aus Hamburg wollten dann viele Fachmedien auch nicht nachstehen:

iPhone 3G speichert Screenshots aller Nutzeraktivitäten, heißt es falsch bei ZDNet.

Golem.de griff Chens Big-Brother-Bild auf: Sicherheitsrisiko: iPhone 3G is watching you

Bemerkenswert ist, wie schnell im Userforum von Golem.de der Unsinn als solcher entlarvt wurde:

Fasst man den Inhalt der News zusammen, kommt dabei raus, dass ein Angreifer durch das aufspielen von bösartiger Software ein Bild mit eventuell kritischem Inhalt auslesen kann. Leider braucht der Angreifer das Bild nicht, da – wenn er es geschafft hat, ein bösartiges Programm auf das iPhone seines Opfers zu überspielen, kann er das iPhone auch direkt auslesen und braucht daher das Bild nicht mehr!!!
Leser-Kommentar golem.de

Bei MacLife heißt es:
iPhone bespitzelt seine Nutzer

Die PC-Welt titelt:
iPhone bespitzelt Besitzer per Screenshots

Beruhigend ist, dass zumindest heise.de der Versuchung widerstanden hat, die dünne Wired-Geschichte 1:1 ohne weitere Recherche weiterzureichen. Heise verzichtete in dem Bericht “Versteckte Spuren auf dem iPhone” zwar darauf, die unbewiesenen Äußerungen von Zdziarski zu den überführte Kriminellen in Frage zu stellen. Die Kollegen aus Hannover wiesen aber gleich zu Beginn des eigenen Berichts auf das kommerzielle Interesse des Buchautoren Zdziarski hin.

Apple selbst kann sich über den Verlauf der Dinge kaum beschweren. Immerhin hat Wired.com nach Chens Angaben um eine Stellungnahme nachgefragt und keine bekommen.

NY Times: Microsoft könnte Copyright-Cop in Zune einbauen

TV-Serie Heroes

Die New York Times erläutert die Gründe, warum der US-TV-Sender NBC seine Kultserie “Heroes” nicht mehr über iTunes online vertreibt, sondern über den Zune-Store von Microsoft. Apple habe darauf bestanden, einheitlich 1,99 Dollar pro Serie zu verlangen, während NBC die aktuellen Folgen teurer und die älteren billiger machen wollte. Außerdem habe sich Apple beharrlich geweigert, ein System einzurichten, dass automatisch illegal aus dem Netz (via BitTorrent oder andere Tauschbörsen) heruntergeladene NBC-Sendungen erkennt und ein Abspielen in iTunes oder auf einem iPod verhindert. Microsoft sei dagegen bereit gewesen, ein DRM-System für den Zune zu entwickeln, das auch illegale Downloads aus dem Netz blockiert.

Unterm Strich, da bin ich mir sicher, wird NBC die Verbreitung von “Heroes” und anderen NBC-Serien via Pirate Bay, Mininova und Co. noch mehr fördern. Zur Erinnerung: Die gestern von der NPD-Group veröffentlichten Zahlen zum Zune zeigen, dass der Microsoft-Player in den USA gerade mal 4 (in Worten: vier) Prozent Marktanteil hat (iPod 71 Prozent, SanDisk elf Prozent). Wenn sich dann noch herumspricht, dass Microsoft auf jedem Zune einen kleinen Copyright-Cop installiert, dürften sich die Verkaufszahlen nicht gerade positiv entwickeln.

[ Microsoft May Build A Copyright Cop Into Every Zune - Bits - Technology - New York Times Blog]

Den Sack schlagen, den Esel meinen – Thomas Leif, Ulrich Wickert und Mercedes Bunz

Am späten Mittwochabend hat die ARD zum großen Gegenschlag zur vermeintlichen Kampagne der privaten TV-Sender und der Verlage in Deutschland gegen die Aktivitäten von ARD und ZDF im Internet ausgeholt. Wer die Sendung verpasst haben sollte, kann sich den Film von SWR-Autor Thomas Leif (Chefreporter des Landessenders Mainz und Vorsitzender von Netzwerk Recherche) auf der Website des SWR anschauen.

Im Kapitel 3 knüpft sich Leif die “Kampagnen-Macher” vor, die das öffentlich-rechtliche Engagement im Netz begrenzen wollen und zieht ganz nebenbei gegen die neue Nachrichten-Website der Holtzbrinck-Gruppe, Zoomer.de, zu Felde. Es muss Leif unheimlich gewurmt haben, dass der ARD-Nachrichtenveteran Ulrich Wickert seinen guten Namen als “Herausgeber” für ein Portal zur Verfügung gestellt hat, in dem die Anwender bei der Auswahl der News beteiligt sind. Doch während Wickert in dem Film mit Samthandschuhen angefasst wird, bekommt Mercedes Bunz, die als Chefin von Tagesspiegel.de auch für Zoomer.de verantwortlich ist, die Wucht des ARD-Recherchemeisters voll ab. Seht selbst:

[Was dürfen ARD und ZDF im Internet?: Der Kampf um die Zuschauer - Quoten, Klicks und Kohle | SWR.de]

[FAZ.NET-Fernsehkritik: „Infiltration von Meinung“ - Medien - Feuilleton - FAZ.NET]

[„Quoten, Klicks und Kohle“: Dreiste Dauerwerbesendung - FOCUS-Fernsehclub - FOCUS Online]

[Der Großreporter vergibt eine Chance - Kölner Stadt-Anzeiger]

[NETZEITUNG | MEDIEN ALTPAPIER NACHRICHTEN: Altpapier vom Freitag]

[PR-Fachberater Thomas Leif darf wieder ins Bild [Indiskretion Ehrensache]]

"Apple-Nutzer tragen Hawaii-Hemden"

Mr. Gadget im Hawai-HemdDer russische Virenjäger Jewgenij “Eugene” Kaspersky hatte sich bereits vor einem Jahr als profunder Kenner von Sicherheitslücken in Apple-Produkten profiliert. Damals kündigte er an, dass er den ersten Virus für den iPod entdeckt habe. Damit der iPod mit einem Virus infiziert werden konnte, musste man aber zunächst Linux auf dem Player installieren, was ja quasi jeder iPod-Besitzer so tut.

Nun hat Kaspersky einen weiteren grandiosen Macintosh-Experten getroffen: Frank Patalong von Spiegel Online. Das Interview steht hier.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Apple- oder Linux-Rechner sicherer sind?

Kaspersky: Nur, weil sie von den Cyber-Kriminellen bisher kaum beachtet wurden. Aber das kann sich ändern. Denn wenn sich kriminelle Programmierer erst einmal auf Apple- oder Linux-Nutzer stürzen, könnten die zur leichten Beute werden. Das Internet ist ein gefährlicher Ort, und Windows-Nutzer wissen, dass man eine Rüstung tragen sollte. Apple-Nutzer tragen stattdessen Hawaii-Hemden.

[SPON: "Apple-Nutzer tragen Hawaii-Hemden"]