Zehn Fragen an Wikimedia Deutschland

Von | Web 2.0

Für einen Artikel in der aktuellen MACup zum Thema “Wiki” habe ich ein Interview mit Matthias Spindler, einem der Sprecher des deutschen Wikimedia Vereins geführt. Da der Text von der Site der MACup schon wieder verschwunden ist, hier noch einmal eine verlinkte Version des Interviews zum Nachlesen:

Frage: Warum engagieren Sie sich für das Publizieren wie es in der Wikipedia praktiziert wird?

Mathias Schindler: Ein Grund ist, daß mir Wikipediatexte häufig schon geholfen haben und es immer wieder Stellen gibt, an denen ich etwas beitragen kann. Es macht Spaß, gemeinsam mit anderen Menschen an einer Enzyklopädie zu schreiben.

Frage: Wie sieht zahlenmäßig das Verhältnis von Exzellentschreibern und den Leuten aus, die anonym oder nur gelegentlich zur Wikipedia beitragen?

Mathias Schindler: Die Zahl der Autoren, die einen Artikel bis zur Exzellenz bringen, ist sicherlich etwas kleiner als die Menge der Helfer, die die Artikel auf Rechtschreibung, Zeichensetzung und Verständlichkeit überprüfen. Es gibt etwa 800 Autoren der deutschsprachigen Wikipedia, die auf einer häufigen und regelmäßigen Basis beitragen.

Frage: In dem Artikel „Wikipedianer“ wird der Beitrag über die Hermannstraße als Beispiel für einen exzellenten Artikel aufgeführt. Ich stelle mir aber die Frage, ob das Stück im Vergleich zu vielen anderen Artikeln in der Wikipedia nicht völlig aufgeblasen ist. Wie funktioniert also die Gewichtung zwischen den jeweiligen Themen/Beiträgen?

Mathias Schindler: Eine gedruckte Enzyklopädie muss mit einer endlichen Menge Platz auskommen. Es gibt je nach ideologischer oder wirtschaftlicher Ausrichtung gewisse Schwerpunkte, aber grundsätzlich wird man kaum ein allgemeines Lexikon finden, in dem Helmut Kohl weniger Platz erhält eine Prachtlibellenart. Dieses Platzproblem gibt es in dieser Form bei Wikipedia nicht. Wenn der Artikel zur Berliner Hermannstraße statt 20 Zeilen 200 Zeilen lang ist, muss deshalb nicht ein anderer gekürzt werden. In der Tendenz pendeln sich die Verhältnisse der Artikelanzahl und -länge unterschiedlicher Bereiche recht gut ein, wie man es auch in einem klassischen Lexikon findet. Davon abgesehen bleibt das allgemeine Relevanz-Kriterium. Während die Frankfurter Paulskirche eher als relevant angesehen wird, ist eine in den 1960ern gebaute Dorfkirche das nicht. Ein Projekt zum Drucken der Wikipedia wird hier sicherlich auch teilweise grausam in schönen, aber eher zweit-, dritt- oder gar viertrangigen Artikeln kürzen müssen.

Frage: Warum erlaubt Wikipedia anonyme Beiträge? Würde es nicht der Glaubwürdigkeit dienen, wenn die Autoren zumindest eine validierte E-Mail-Adresse hätten?

Mathias Schindler: Diese Frage ist berechtigt. Eine Validierungsfunktion für E-Mail-Adressen ist erstmal ein (mittlerweile erledigter) Programmieraufwand. Wichtiger jedoch ist die Hürde, die dadurch aufgabaut wird. Wenn ich damals zuerst eine E-Mail-Adresse angeben hätte müssen, wäre mir das vermutlich zu aufwändig gewesen, um mal eben einen kleinen Nebensatz zu korrigieren. Wer Unfug treiben will, lässt sich in der Regal auch nicht von solchen Hürden abschrecken.

Frage: Wer ist rechtlich für die Beiträge in Wikipedia verantwortlich? Der Verein Wikimedia Deutschland betont ja häufig, dass er nicht Betreiber von Wikipedia ist.

Mathias Schindler: Betreiber der Wikipedia in allen Sprachen ist die Wikimedia Foundation in Florida, der auch die Server gehören und die auch der Arbeitgeber für die drei Angestellten ist. Als Betreiber obliegen der Foundation gewisse Pflichten. Dazu gehört, daß die Foundation nach geltendem Recht gezwungen ist, bei konkreten Hinweisen auf Urheberrechtsverletzungen Inhalte zu entfernen. Diesen Pflichten kommt die Foundation nach. Für Inhalte selbst sind jedoch die Personen verantwortlich, die sie einstellen.

Frage: Warum ist die deutschsprachige Wikipedia die erste Aufgabe des freien Lexikons, die auf DVD erhältlich ist?

Mathias Schindler: Die freie Lizenzierung der Inhalte erlaubt es, daß andere Personen und Firmen die Inhalte beispielsweise in eigenen Produkten verwenden können. Davon hat 2004 ein Berliner Verlag Gebrauch gemacht und eine CD-ROM herausgebracht, die die Inhalte der deutschsprachigen Wikipedia enthielt. Warum es (nach meinem Kenntnisstand) zuerst ein deutscher Verlag war, hat sicherlich viele mögliche Gründe. Einer könnte sein, daß es eine lebendige Community gibt, ein freundliches Interesse der Medien und innovative Unternehmen, die solche Chancen nutzen.

Frage: Der Streit um den Eintrag „Tron (Hacker)“ hat einer breiten Öffentlichkeit vorgeführt, dass zum Teil erbittert um den Inhalt der Artikel gekämpft wird. Wie funktioniert in solchen Streitfällen das Schlichtungsverfahren? Wer hat das letzte Wort?

Mathias Schindler: Der Normalfall der Streitfälle geschieht innerhalb der Wikipedia ohne den Einsatz von Gerichten, einstweiligen Verfügungen und anderen Mitteln. Das letzte Wort sollte das beste Argument haben, denn in der Praxis geht es um die Richtigkeit von Fakten. Der Streit um den Artikel Tron (Hacker) ging ja nie um die Frage, ob der Name nun richtig oder falsch ist.

Frage: Wer kann Sperrungen von Artikeln verfügen? Kann jemand untersagen, dass zu bestimmten Themen überhaupt neue Artikel eingeführt werden?

Mathias Schindler: Vorhandene Artikel können von Administratoren gesperrt werden, wenn dies zweckmäßig erscheint. Ein legitimer Grund ist der Versuch, einen sogenannten “Edit war” zu beenden und die Stimmung abzukühlen. Neue Artikel kann jede Person anlegen, es sind höchstens Verfahren wie die Löschkandidaten vorgesehen um zu klären, ob ein Artikel in eine Enzyklopädie gehört.

Frage: Wird Wikipedia auf absehbare Zeit als Non-Profit-Projekt weitergeführt? Es war ja mal eine Finanzierung durch Werbeeinblendungen im Gespräch.

Mathias Schindler: Wikipedia wird von der Wikimedia Foundation als Non-Profit-Projekt geführt. Daran wird sich nichts ändern. Werbeeinblendungen sind derzeit auch weder erwünscht noch nötig.

Frage: Das Wiki-Prinzip eignet sich nicht nur für das Schreiben eines Online-Lexikons, sondern beispielsweise auch für firmeninterne Diskussionen in einem Intranet. Sind Ihnen herausragende Beispiele für einen Wiki-Einsatz in (Groß)-Unternehmen bekannt?

Mathias Schindler: Gerade in größeren Firmen sind Wikis eines von vielen etablierten Werkzeugen zur Erstellung und Pflege von Texten. Selbst Microsoft hat eine eigene Wikisoftware im Einsatz und bietet sie auch unter einer freien Lizenz an.

Kommentarfunktion deaktiviert.

Audrey, IBM Shoebox, ViaVoice, Dragon, Siri, Google Now, Cortana: Die Geschichte der automatischen Spracherkennung

1962 präsentierte IBM ein Spracherkennungssystem, das nur...

Wie mit dem MITS Altair 8800 die PC-Revolution begann

Die Ausgabe der Elektronik-Zeitschrift “Popular...

15 Jahre Windows 95 – Wie Microsoft die Software-Geschichte umschreibt

Heute vor 15 Jahren, am 24. August 1995, brachte Microsoft...

Das war quasi mein iPod, damals

Ich räume gerade unsere Wohnung in Hamburg auf, um den...